Trotz Temperaturen von wiederum 37 Grad, fanden doch etwa 35 Personen den Weg nach Beckingen in die Kulturwerkstatt um der Folgen des Überfalls auf die Sowjetunion durch die deutsche Wehrmacht im Rahmen einer informativen Veranstaltung zu gedenken.
Wenn wir mal über die 35 Personen in Präsens hinausblicken, dann wurden an vielen Stellen im Saarland (z.B. im Attac-Umfeld, bei einer Verdi-Aktion) und der angrenzenden Pfalz (bei den Aktionen in Ramstein -Demo, Kulturprogramm, Camp vom 26.-28. Juni) 500-600 Einladungen verteilt. Auch die lokal tätige Partei BSW war informiert.
Dr. Thomas Hohnerlein begrüßte die Teilnehmer mit seinem Beitrag:
Veranstaltung der GDRF Regionalgruppe Saarland-Westpfalz anlässlich des 85. Jahrestages des Überfalls der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941
Kulturwerkstatt Beckingen/Saar am 28. Juni 2026
(Thomas Hohnerlein)
Liebe Freundinnen und Freunde Russlands, liebe Gäste der Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft
zur Veranstaltung anlässlich des 85. Jahrestages des Überfalls der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 möchte ich Sie und Euch ganz herzlich begrüßen
Dieser Tage hat mich meine Frau Christel auf folgende kurze Notiz aufmerksam gemacht:
Ich zitiere: Nachdem alle anderen deutschen Fernsehsender den Jahrestag des Überfalls der Nazis auf die Sowjetunion ignorieren, bringt Phoenix am 21. und 23. Juni spätnachts: „Osteuropa zwischen Hitler und Stalin“. Der Ankündigungstext von „Osteuropa zwischen Hitler und Stalin“ ist im Übrigen durchaus geeignet, in der Vorstellung des Zuschauers eine Gleichsetzung von Hitler und Stalin, wenn nicht sogar eine Bewertung des Stalinismus als das schlimmere Regime zu bewirken:
„Zwischen 1930 und 1945 erlebte Osteuropa Massengewalt in einem beispiellosen Ausmaß. Hitler und Stalin nutzten die riesige Region für ihre jeweiligen Expansionspläne. Schätzungen zufolge wurden etwa 14 Millionen Zivilisten ermordet – vor allem Juden, Polen, Balten, Weißrussen und Ukrainer. Mit Archivaufnahmen und Zeitzeugenberichten zeichnet die Dokumentation die Schneise der Verwüstung nach, die Hitler und Stalin hinterlassen haben.“ Soweit der Sender Phoenix.
Nun neigen in diesen auch emotional aufgeputschten Zeiten selbst kritische Zeitgenossen nicht selten zu Panikschlüssen und der Feststellung, dass wir in Fragen des aktuell grassierenden Geschichtsrevisionismus – Stichwort Gedenkkultur, Denkmalumwidmung oder gar Entsorgung, zumindest aber Kontextualisierung – mit einer solchen Ankündigung, wie der eben erwähnten von Phoenix, eine neue Eskalationsstufe erreicht hätten. Es ist sicher nicht zu leugnen, dass die extrem aggressive Haltung der Regierenden insbesondere in der BRD, eine deutliche Verschärfung der Rhetorik, aber auch der Sanktionierung bei Nichtakzeptanz erkennen lässt.
Und doch gibt es etwas von einem Déjà vu, wie ein Artikel des Historikers Kurt Pätzold zum 70. Jahrestag, veröffentlicht in der Jungen Welt vom 28.6.2011, also genau heute vor 15 Jahren, deutlich macht.
Dort schreibt Pätzold unter dem Titel „Nach einem Jahrestag. Von Zerrspiegeln, Zeitungen und Blättchen“ Folgendes:
„Dieser 70. Jahrestag des Einfalls der deutschen Wehrmacht in das Territorium der UdSSR, ….. löste in Deutschland eine Vielzahl von Initiativen aus. Ein an Zahl nicht bestimmbarer Teil der Zeitgenossen und der Nachgeborenen hat den Tag, der in der deutschen Geschichte als ein Datum des Verbrechens und der Schande festgeschrieben ist, zum Anlass des Innehaltens und Nachdenkens genommen und ihn als Warnung begriffen, die ihr Verfallsdatum nicht schon hinter sich hat.
Zugleich kann eine Durchmusterung dessen, was mit Bezug auf den Beginn dieses Eroberungszuges in den Medien gesagt und geschrieben worden ist, erschrecken machen. Es gibt keine Legende und keine Verfälschung des Geschehens, die nicht erneut hervorgekramt und, notdürftig aufgeputzt, unter die Leute gebracht wurde. Dies nicht abseits des Hauptstroms der Meinungsbildung, sondern in dessen Mitte.
Unvermindert erhielt sich das Bedürfnis, die Zahl derer, die diesen Krieg führen und gewinnen wollten, möglichst klein zu bemessen. Im Grunde, so die Antwort, gab es auf deutscher Seite nur einen, der ursprünglich nach Moskau, zum Ural und zum Kaukasus wollte – den „Führer“. Auf den kürzesten Begriff gebracht, heißt das Geschehen daher auch meist „Hitlers Krieg“. Wer sonst beteiligt war … war ein Opfer des übermächtigen Willens des Obersten Befehlshabers geworden … „Ich bin’s nicht, Adolf Hitler ist es gewesen“.
Eine andere und wie es scheint wachsende Gruppe von Publizisten macht dem deutschen Führer den Platz zwar nicht streitig, doch hat er ein wenig zur Seite zu rücken. Neben ihn wird auf den Sockel Josef Stalin gestellt, der vorgeblich zweite Kriegsinteressent. Nun heißt der Krieg nicht mehr nur „Hitler gegen Stalin“, sondern das „Duell zweier Despoten“ oder das „Duell der beiden Jahrhundertverbrecher“ (Spiegel Nr. 24/2001). Da wären es also zwei: Ein Faschist – pardon: Nationalsozialist – und ein Kommunist. Hitlers Anteil ist etwa um die Hälfte herabgesetzt. Das passt, nebenbei, gut in jene spezifisch deutsche Weltvorstellung, die in Kommunisten mindestens potentielle Verbrecher ausgemacht hat.
…. Es gibt kein zweites Feld der neueren Geschichte, auf dem die Forschungsergebnisse der Historiker und die von den Mainstreammedien erzeugten Geschichtsbilder so weit auseinander liegen, wie auf dem der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Im festen Wissen, dass die Mehrheit der Bundesbürger sich in seriöser Geschichtsliteratur nicht beliest, wird drauflosgeschrieben und geredet. Das allein würde als Bedingung für die erfolgreiche Verbreitung von Fälschungen nicht genügen, käme nicht die Hinnahme dieses Zustandes durch Historiker hinzu. … So lässt sich 70 Jahre später die Legende von den beiden Kriminellen erzählen, die durch eine Kette von Zufällen an die Spitze von Staaten und Armeen gerieten und, nach Jahrzehnten des gegenseitigen Belauerns und Abwartens, sich endlich aufeinander stürzen konnten. Das ist das Angebot des Haushistorikers des Spiegel, das einen Tiefpunkt der Geschichtspublizistik bezeichnet“. Soweit Kurt Pätzold vor nun 15 Jahren.
Der Tiefpunkt, von dem er spricht, scheint aktuell noch deutlich unterschritten zu werden, man könnte sagen, dass er mittlerweile unterirdisch liegt.
Eine Spitze gegen große Teile dessen, was wir historisch als „Linke“ bezeichnen – und das betrifft in diesem Falle den Osten und den Westen der Republik – , möchte ich hierbei nicht verhehlen. Die konsequente Weigerung, sich mit der Person Josef Stalins und dem Phänomen des sogenannten „Stalinismus“ vom dialektischen Standpunkt und qua wissenschaftlicher Methode auseinanderzusetzen, hat der bürgerlichen Strategie der ideologisch bedingten Fälschungen erfolgreich den Weg bereitet. Damit wurde der bürgerlichen Canaille ein Scheunentor geöffnet und es scheint genau das, was uns nun beim zähen Zurückkämpfen des Geschichtsrevisionismus auf die Füße fällt.
Die GDRF begreift es in der Konsequenz derartiger Entwicklungen als eine ihrer vorrangigen Aufgaben, insbesondere dem Geschichtsrevisionismus entgegenzutreten, eben durch Veranstaltungen wie die heutige hier in Beckingen.
Ich freue mich sehr, dass wir dazu heute die Historikerin und Autorin Dr. Inge Plettenberg gewinnen konnten und sind gespannt auf ihren Vortrag. Ich wünsche viele Erkenntnisse und Anregungen, die auch im täglichen Umgang mit Menschen nutzbar sind, die heute noch nicht hier zugegen sind. So überschaubar die Zahl der Besucher heute sein mag, bin ich mir doch sicher, dass wir ein wirksames Sandkorn im Getriebe sind.
Damit unser eigenes Getriebe trotzdem geölt werde, möchte ich darauf hinweisen, dass diese Veranstaltung nicht wenig Geld gekostet hat (für Raum, Filmvorführrechte, Banner, Öffentlichkeitsmaterial). Wer deshalb am Ende etwas spenden möchte, findet vorn an der Theke ein Spendenkörbchen und weiteres Informationsmaterial. Wir bedanken uns schon jetzt ganz herzlich.
Nach der Filmvorführung möchte Irina Schiel kurz von einem Akt des Vandalismus auf dem Homburger Zentralfriedhof Ende Mai und den darauf folgenden Aktivitäten der Homburger „Kraniche“ berichten. Soweit ich unterrichtet bin, möchte die Gruppe auch hier Unterschriften unter einen Brief der russischen Botschaft zu diesem Vorgang und den Verzögerungen beim Aufstellen einer Gedenktafel in Homburg sammeln. Ich bitte Euch, das Ansinnen zu unterstützen.
Anschließend laden wir zu einem Gedankenaustausch bei Christels Zucchinitorte, kleinen Leckereien und Weißwein aus Oppenheim am Rhein ein.
Einführung zu Leben und Schaffen Konrad Wolfs zur Filmvorführung „Ich war 19“
anlässlich der Veranstaltung der GDRF Regionalgruppe Saarland-Westpfalz zum 85. Jahrestag des Überfalls der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 28. Juni 2026 in der Kulturwerkstatt Beckingen /Saar
(Thomas Hohnerlein)
Der bedeutende Filmregisseur Konrad Wolf wurde am 20. Oktober 1925 im württembergischen Hechingen als zweiter Sohn des Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf und dessen Frau Else geboren.
Seine Kindheit verbrachte er in Hechingen, Höllsteig am Bodensee und Stuttgart, wo er gemeinsam mit seinem um zwei Jahre älteren Bruder Markus aufwuchs. Beide Jungen besuchten die Schieker-Reformschule in Stuttgart, wo sie antiautoritär erzogen wurden. Beide traten den kommunistischen Jungpionieren bei. Konrad hatte schon sehr früh Berührungen mit dem politischen Kampf seines Vaters, der sich mit Theaterstücken und Schriften für eine sozial gerechtere Welt einsetzte
Mit der Machtübertragung an Adolf Hitler 1933 beginnt eine zwölfjährige blutige Diktatur in Deutschland. Nach dem Reichtagsbrand droht dem deutschen Juden, Schriftsteller und Kommunisten Friedrich Wolf die Verhaftung. Nach Umwegen über die Schweiz und die Bretagne emigriert Wolf im November 1933 in die Sowjetunion, wohin ihm seine Frau und seine Söhne am 5. März 1934 folgen. Die Familie wohnt in Moskau in der Nishni Kislowski Gasse am Arbat.
Konrad besucht die deutsche Karl-Liebknecht-Schule bis zur 4. Klasse und wechselt anschließend zur 110. russischen Fridjof-Nansen-Schule.
Bald schon fühlt sich Konrad Wolf in der russischen Kultur und Lebensart heimisch. Für ihn ist Deutschland zwar sein Vaterland, die Sowjetunion jedoch seine Heimat. In einem Tagebucheintrag vom 18. März 1945 schreibt er: „Schließlich ist es jetzt gerade 11 Jahre her, dass ich in die UdSSR kam. Das Sowjetland, der Sowjetstaat, die sowjetischen Menschen sind für mich unverzichtbar. Ohne sie kann ich ebenso wenig sein wie ohne Luft. Jetzt, da ich in meinem Vaterland (also Deutschland, Anm. dA) bin, gibt es nichts, was mich hier hielte, im Gegenteil, mich zieht es zurück nach Moskau, in die UdSSR, in meine wirkliche Heimat“.
Am 22. Juni 1941 gehen seine friedliche Kindheit und Jugend jäh zu Ende – an diesem Tag überfällt das faschistische Deutschland die Sowjetunion. Als die deutschen Truppen im Herbst 1941 auf Moskau vorrücken, ist für Konrad Wolf klar, was Heimat ist und was Feind bedeutet. Nach dem Fall von Orjol beginnt die Evakuierung der Hauptstadt. Nach kurzer Zeit darf Else Wolf mit Konrad nach Moskau zurück, da der Vater Mitarbeiter in der politischen Hauptverwaltung der Roten Armee wird. Konrad wird beim Bau von Verteidigungsanlagen und bei der Flugabwehr eingesetzt. Die Wehrmacht steht vor Leningrad und Moskau, ein gnadenloser Kampf tobt um Stalingrad. Die deutsche Front dehnt sich aus bis zum Kaukasus und zum Schwarzen Meer.
Am 20. Oktober 1942 wird Konrad 17 Jahre alt, er besucht die 9. Klasse, als ihn der Einberufungsbefehl des Jahrgangs 1925 zur Roten Armee im Dezember erreicht.
Damit beginnt ein völlig neuer Abschnitt im Leben des Schülers Konrad Wolf. Er ist ein Kind an der Schwelle zum Erwachsenwerden als er in die Rote Armee eingezogen und zur Politverwaltung des Oberkommandos der Sowjetarmee kommandiert wird. Zusammen mit einer Sondergruppe wird er der Politverwaltung der Transkaukasischen Front zugeteilt und er fährt mit der Eisenbahn bis Orenburg, weiter geht es mit dem Flugzeug nach Baku, dann mit dem Zug nach Tbilissi und von dort aus nach Suchumi. Auf der Ladefläche eines Lastwagens erreicht er den Ferienort Kabardinka am Schwarzen Meer. Ein Tagebucheintrag vom 20. März 1943 reflektiert ein wohl zentrales, prägendes Erlebnis für den gerade eingetroffenen Konrad Wolf: „Ich lief neben dem Natschalnik. Links der Straße lag ein Soldat mit zerfetztem Leib. Er war tot. Die Dokumente wurden ihm aus der Tasche gezogen und der Natschalnik sagte, an mich gewandt: „Ja, Konrad, das ist der Krieg“ – Aber ich sah ja selbst, das war der Krieg …
Er beginnt, wo und wann es ihm möglich ist, mit seinen Tagebuchaufzeichnungen. Die Konfrontation mit all dem, was an der Front und hinter ihr passiert, ist für Konrad Wolf schockierend: Das widerwärtige Pfeifen der Bomben, die heftigen Detonationen und die riesigen Bombentrichter, zerfetzte Leiber, zerstörte Häuser und immer die Angst um das eigene Leben. Der junge Mann bekommt Schreckliches zu sehen. Beim Anblick der von den Deutschen zerstörten Dörfer und Städte, stellt er sich immer wieder die Frage, warum die Deutschen solche schweren Verbrechen an der Zivilbevölkerung begehen. Im Mai 1943 schreibt er an seinen Bruder Markus: „Ich bin nicht nur einfach ein selbständiger Mensch geworden, sondern ich bin ganz plötzlich auf den Krieg gestoßen“.
Am 26. Juli 1943 schreibt er scheinbar prophetisch in sein Tagebuch: „Der nahe Untergang des Faschismus kündigt sich an. Es ist höchste Zeit, mit diesen Ungeheuern Schluss zu machen“. Je schneller er sich mit seiner Abteilung in Richtung Deutschland bewegt, desto häufiger kommt ihm der Gedanke, sich intensiver mit der Geschichte seines Vaterlandes zu beschäftigen.
Im Dezember 1944 ist ihm die Arbeit mit dem Lautsprecherwagen das Wichtigste geworden. Wenn er mit der Großlautsprecheranlage, die auf einem Spezialwagen montiert ist, vor bis zur Hauptkampflinie fährt, kann er, mit seiner Stimme und seinem Text direkt auf den Feind einwirken. In seinen Sendungen ruft er den deutschen Wehrmachtssoldaten die Wahrheit über Krieg und Faschismus zu und fordert sie auf, sich zu ergeben und damit ihr Leben zu retten, ehe es zu spät ist.
Während einer Schreibpause zwischen dem 25. Dezember 1944 und dem 18. März 1945 rückt Konrad Wolf mit der 1. Belorussischen Front unter Marschall Shukov nach der Weichseloffensive unerwartet schnell auf deutsches Gebiet vor und bald steht Wolfs Abteilung an der Oder in Güstebiese bei Küstrin. Es ist der legendäre milde Frühling 1945. Konrad Wolf begegnet immer wieder einer durch die Gräuelpropaganda der Nazis eingeschüchterten Bevölkerung. Er schreibt am 19. März 1945 in sein Tagebuch: „Natürlich erlebt das deutsche Volk jetzt eine noch nie dagewesene Katastrophe und es ist anzuzweifeln, dass sich auch nur ein einziger Deutscher vor sechs Jahren vorstellen konnte, jemals in eine solche Lage wie jetzt zu kommen. Aber das ist eine Lehre, eine solche Lehre, die das deutsche Volk niemals vergessen wird. Diese Lehre wird ihm ein für alle Mal den Appetit auf einen fremden „Lebensraum“ nehmen. Alle mehr oder weniger großen Ortschaften sind stark zerstört … Viele meiner Bekannten, sogar auch meiner Freunde werden wohl denken, dass mir das ans Herz geht, dass mir die deutschen Städte, die Bevölkerung leidtun. Ich bekenne ganz offen – nein, das tut mir nie und nimmer leid, da ich selbst gesehen habe, was sie in Russland angerichtet haben, und deshalb verstehe ich, dass man sie nur so davon abbringen kann, jemals wieder Krieg zu führen“. Leider müssen wir konstatieren, dass der damals sehr junge Konrad Wolf, auch wegen der für ihn persönlich und historisch überwältigenden Eindrücke, in mehrfacher Hinsicht irrte. Erstens gab es durchaus auch Deutsche, die sich das Ausmaß der Folgen von Gewaltherrschaft und Krieg 1939 vorstellen konnten – es gab einen Widerstand. Zweitens: was die Lehre anbetrifft, die das deutsche Volk ein für alle Mal zwingend aus dieser Katastrophe zu ziehen hätte, werden wir gerade heute eines Besseren belehrt – das betrifft wiederum nicht alle, aber immerhin viele. Drittens: dass der Sieg der Alliierten Deutschland für immer vom Weg des Krieges abgebracht hätte, ist angesichts der heutigen politischen „Eliten“, der Medien, weiter Teile des Militärs und der Aktionäre der deutschen Rüstungsbetriebe stark zu bezweifeln. Entschlossener, massenhafter Widerstand seitens der deutschen Menschen steht noch aus.
Am 18. April bricht während eines schweren Luftangriffs auf eine Pontonbrücke über die Oder Konrad Wolfs Tagebuch ab. Der Sturm auf Berlin beginnt und das Ende der Terrorherrschaft der Faschisten wird durch die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde in Berlin-Karlshorst am 8. Mai 1945 besiegelt. In seinem Treatment „Heimkehr“, sozusagen einer ersten Rohfassung des Film „Ich war 19“, erinnert sich Konrad Wolf mehr als zwanzig Jahre später an jene Tage nach dem abrupten Ende des Tagebuches. Tief erschüttert ihn das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo der junge Oberleutnant nur todkranke und ermordete Häftlinge sieht. Das versetzt ihn in ohnmächtige Wut, und er ahnt, wie schwer es werden würde, ein friedfertiges neues Deutschland aufzubauen.
Unmittelbar nach Kriegsende wird Konrad Wolf Korrespondent der Berliner Zeitung. Im Juni 1945 verlässt er Berlin und hält sich wieder bei seiner Stammeinheit, der 47. Armee, in Wittenberg auf. Er wird Kulturreferent in der Informationsabteilung der SMAD für das Land Sachsen-Anhalt in Halle an der Saale. Was ihm dort als Deutscher in sowjetischer Uniform widerfuhr, berichtet er später: „Ich, liebe Freunde, war ein Vaterlandsverräter. So erfuhr ich es schwarz auf weiß, oder genauer gesagt, weiß auf schwarz in Halle im Herbst 1945. In dieser Zeit, als wir kurz nach dem Abzug der Amerikaner in diese Stadt kamen, erhielt ich den Auftrag, an der Universität vor Studenten über die Perspektiven der deutschen Jugend unter der neuen, antifaschistisch-demokratischen Ordnung zu sprechen. Als ich den Hörsaal betrat – er war gefüllt bis auf den letzten Platz – und nach vorne ging, wurde die Tafel von einem Mechanismus, der mir bis dahin unbekannt war, durch einen anderen ausgetauscht. Auf diese andere Tafel war mit Kreide ein Galgen gemalt, und unter dem Galgen stand „Vaterlandsverräter“. Ich stellte mich vor diese Tafel und sprach, so gut ich konnte, über das, was ich mir damals unter den Perspektiven der deutschen Jugend vorstellte. Ich war zwanzig.“
Am 17. Dezember 1946 wird Konrad Wolf als Oberleutnant der Roten Armee in Halle demobilisiert. Danach arbeitet er im Berliner Haus der Kultur der Sowjetunion als Referent für Jugenderziehung, Studenten und Sport. Er besucht die Abendschule der SMAD in Berlin-Karlshorst und legt 1949 das Abitur ab. Danach studiert er an der Moskauer Filmhochschule Regie. Er wird Filmregisseur bei der DEFA und ab 1965 Präsident der Deutschen Akademie der Künste der DDR.
Kurz vor seinem Tode 1982 stellt Konrad Wolf während der „Berliner Begegnung zur Friedensförderung“ an den Autor Günter Grass die Frage, ob er wirklich glaube, das leidgeprüfte Land Sowjetunion, das Volk und seine Politiker bedrohten ihn? Konrad Wolf beendete sein leidenschaftliches Plädoyer für den Frieden mit einem Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“.
* Diese Angaben basieren auf dem Nachwort Paul Werner Wagners zum Kriegstagebuch von Konrad Wolf, erschienen in der Edition „Die Möwe“, 1. Auflage 2015 und neuerschienen in der Edition Ost im Eulenspiegel Verlag, Berlin.

Was oben beschrieben wurde – es stimmt: „Auch die lokal tätige Partei BSW war informiert.“, über die Veranstaltung anlässlich des 85. Jahrestages des Überfalls der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Es stimmt auch, das BSW-Saarland wollte, nach „interner Abstimmung“, den Veranstaltungshinweis aus „Reputationsgründen“ nicht weiter bekannt geben und hat so unfreiwillig ein Lehrstück zum Thema BSW-Reputation geliefert. Vielen Dank an die Veranstaltung auch dafür.