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Christa Simmank, AG Geschichte

1. Vom Ende des 1.Weltkriegs bis 1933

Das Verhältnis der Weimarer Republik zur Sowjetunion

Die russische Revolution fand statt, noch während der 1. Weltkrieg in Europa tobte. Natürlich hatte diese Revolution innerhalb Russlands ein großes staatliches Durcheinander zur Folge. Aus diesem Grund sah sich die bolschewistische Führung gezwungen, sehr schnell einen Friedensschluss zu erwirken.

Die Entente (England und Frankreich) und auch die USA reagierten gar nicht auf die russischen Friedenswünsche.

Mit den Mittelmächten aber, also mit Deutschland und seinen verbündeten Staaten (Österreich-Ungarn, Bulgarien, Türkei) kam es im Dezember 1917 zu den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk. Die Mittelmächte verlangten von Russland die Abtretung großer Gebiete und hohe Reparationszahlungen. Diese Bedingungen nahmen die Bolschewiki zunächst nicht an, so dass die Kampfhandlungen kurzzeitig wieder aufgenommen wurden, bis es am 3. 3. 1918 doch zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages kam. Die Bedingungen für Russland waren in diesem Vertrag noch schlechter als in dem Entwurf vom Dezember 1917. Die russische Seite bezeichnete diesen Frieden als „Raubfrieden“, aber das Land brauchte dringend Ruhe, um sich organisieren zu können. 

Dieser Friedensschluss mit sehr viel Landgewinn kann von der deutschen Seite aus als Versuch gesehen werden, Russland zu destabilisieren oder nach Möglichkeit als Staat ganz zu zerstören. Solche Ideen gab es in Deutschland schon lange, nicht erst sei der russischen Revolution. Sie entsprangen ausschließlich geostrategischen Interessen, nicht weltanschaulichen. Eine Denkschrift mit dem Titel “Das neue Ostland“ aus dem Jahre 1916, verfasst von Silvio Broederich-Kurmahlen gibt einen Einblick in diese Ideen:

Der eigentliche Feind Deutschlands wäre immer Russland: „Der abgrundtiefe Unterschied asiatisch-mongolischer und europäischer Kultur trennt den Germanen vom Moskowiter – da gibt es keine Verständigung! Mit unseren westlichen Feinden dagegen ist doch eine Verständigungsmöglichkeit in der gleichen Kultur vorhanden… […] Ist das Meer freigekämpft, so können wir mit England in Ordnung kommen, mit Rußland gibt es nie Verständigung – das ist der Unterschied“; Rußlands Krieg gegen das Reich sei sittenwidrig: „Wir dürfen nicht vergessen, den Krieg führt Rußland als Rassekrieg – es wollte nicht nur die Weltherrschaftstellung in Europa erkämpfen, nicht nur sich Ostdeutschland angliedern, sondern vor allem den deutschen wirtschaftlichen Einfluß in Rußland brechen. […] Der Haß gegen alles Deutsche ist in allen Kreisen des Volkes so abgrundtief, daß dieser Krieg naturgemäß zur Vernichtung alles deutschen Elements in Rußland führen mußte.“¹

In einer anderen Denkschrift aus demselben Jahr drückte der Verfasser Prof. Dr. Friedrich Lezius aus Königsberg sehr deutlich aus, worum es eigentlich ging:

„Der Fortbestand des russischen Weltreiches in seinem jetzigen Umfang ist mit unserer Sicherheit nicht verträglich… Um das vom Welteroberungswahn besessene Russenreich für uns unschädlicher zu machen als es ist, müssen wir es durchsetzen, daß es die Grenzgebiete verliert. Sie müssen an uns und unseren Verbündeten fallen oder selbständig werden.“^2

Und Herr Lezius hatte auch sehr klare Vorstellungen über den Umgang mit der Bevölkerung in den zu annektierenden Gebieten: 

„Warum sollen wir nicht es vermögen, mit Polen, Litauern usw. fertig zu werden? Wir werden es sehr gut zustande bringen, wenn wir diesen Untertanenvölkern die Gleichberechtigung vorenthalten und sie nach dem Vorbilde des größten Eroberervolkes beherrschen. Die Römer regierten die unterworfenen Provinzialen durch Prokonsule mit diktatorischer Gewalt, verzichteten aber auf jeden Sprachenzwang und gewährten ihnen eine weitgehende Autonomie. Sie überließen es den Unterworfenen, sich selbst zu romanisieren. […] Auch die Freizügigkeit der Unterworfenen muß auf ihre Gebiete beschränkt bleiben. Wir müssen unsere heutige Grenze gegen die Überflutung durch die rückständigen Ostjuden schützen. Ihnen ist die Abwanderung nach Berlin zu verbieten. Eine Anzahl polnischer und anderer Wanderarbeiter werden wir nicht entbehren können und darum zulassen müssen. Anderen werden wir es nicht verwehren können, bei uns als Arbeiter usw. ganz wohnhaft zu werden. Nur müssen wir dafür sorgen, daß sie sich nicht das Reichsbürgerrecht erschleichen“.^3

Ähnliche Ideen würden ja, wie wir wissen, zu einem späteren Zeitpunkt ernsthafter in Angriff genommen werden.

Die auf den Friedensschluss mit Russland folgende Zeit führte dann auch in Deutschland zu großen Verwerfungen. Der Krieg war verloren, der Kaiser wurde abgesetzt, es entstand eine bürgerliche Republik. Zeitweilig gab es sogar Arbeiter- und Soldatenräte, und eine kommunistische Revolution schien im Bereich des Möglichen.

In der daraus entstandenen Weimarer Republik entwickelte sich ein zwiespältiges Russland-Bild. Zum einen war man überzeugt, dass dieses bolschewistische Regime nur kurze Zeit bestehen würde. Gleichzeitig betrachtet man diese Sowjetregierung als Gefahr für die innere Ordnung Deutschlands. Denn die Furcht vor einer kommunistischen Revolution im eigenen Land, inspiriert und vielleicht sogar unterstützt von den russischen Bolschewiki, war in Deutschland besonders groß. 

Als dann aber nach der alliierten Intervention in Russland^4 und während des folgenden Bürgerkriegs die neu formierte Rote Armee große Erfolge erkämpfte, begann man in Deutschland doch zu glauben, dass die Sowjetregierung länger Bestand haben könnte. Und ab 1920 setzte sich die Überzeugung durch, dass es für Deutschland lohnend sein könnte, wirtschaftlich eng mit der Sowjetunion zusammen zu arbeiten.

Im Juni 1920 wurde in Deutschland eine neue Regierung gewählt. Außenminister wurde Walter Simons, der es auch für deutsches Interesse hielt, gute Beziehungen zu Russland zu schaffen. Er bot der Sowjetregierung Verhandlungen über die „Wiederaufnahme normaler Beziehungen“^5 an.

on Seeckt, der Chef der Heeresleitung, formulierte seine Sicht, die mit der von Simons übereinstimmte und auch von anderen geteilt wurde, am 26. 7. 1920 so:
„Rußland hat die Zukunft für sich. Es kann nicht untergehen, weil es auf seinem gewaltigen Landbesitz immer wieder neue Kräfte gebiert. Es kann, sobald seine zerrüttete Wirtschaft wiederhergestellt ist, Lebensmittel und Rohstoffe in Fülle hervorbringen. Es braucht Deutschland als Industrieland, als Lieferanten von Intelligenz und Organisation. Deutschland und Rußland sind also aufeinander
angewiesen, wie sie es vor dem Kriege waren. Und wenn Deutschland sich auf Rußlands Seite stellt, so ist es selbst unbesieglich, denn andere Mächte werden dann immer Rücksicht auf Deutschland nehmen müssen weil sie Rußland nicht unbeachtet lassen können. Stellt Deutschland sich gegen Rußland, verliert es die einzige Zukunftshoffnung, die ihm nach zwei Kriegen bleibt.“^6

Auch wenn danach immer wieder Zweifel an der Stabilität der Sowjetregierung auftauchten, blieb es die Grundlage der deutschen Politik, pragmatisch mit der Sowjetregierung zusammen zu arbeiten, besonders in wirtschaftlicher Hinsicht.

Ab Dezember 1921 begannen die Gespräche über die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen und über Wirtschaftsabkommen. Am 16. 4. 1922 wurde der Vertrag von Rapallo unterzeichnet, mit dem die deutsche Regierung die Sowjetregierung anerkannte. Durch diesen Vertrag verbesserten sich die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland erheblich, besonders im wirtschaftlichen Bereich, aber auch im militärischen. Schon davor gab es eine Zusammenarbeit der Reichswehr mit der Roten Armee, die jetzt noch intensiviert wurde und eine geheime Revisions- und Aufrüstungspolitik Deutschlands ermöglichte. Auf diese Weise wurden die rüstungspolitischen  Beschränkungen, die der Reichswehr durch den Versailler Vertrag auferlegt waren, teilweise umgangen.

Für Deutschland spielte bei all dem auch eine große Rolle, dass ein verbündetes Sowjetrussland einen Machtfaktor gegen (den „Erbfeind“) Frankreich und gegen Polen darstellte. Außerdem hoffte man immer noch, mit diesem Bündnis den Versailler Vertrag auszuhebeln. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte.

Trotz allem blieb die gesamte deutsche Führung , auch die Heeresleitung zutiefst antikommunistisch und antibolschewistisch. Zur Rechtfertigung der Zusammenarbeit wurde immer wieder der Hoffnung Ausdruck gegeben, mit einer möglichst großen Einbindung Russlands in die kapitalistische Wirtschaft, eine Evolution der dortigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu erreichen.

Ab etwa 1924 änderte sich das Russlandbild in Deutschland vor allem durch eine intensivierte und sehr gute Berichterstattung aus Russland. Der „Ostexpress“, eine staatlich geförderte Nachrichtenagentur, berichtete viel und umfassend über die russischen Verhältnisse.

Diese Nachrichten hatten einen hohen Verbreitungsgrad, sie wurden in vielen Zeitungen veröffentlicht, auch im Ausland. Sie galten als die besten, die es gab. Zudem waren jetzt sehr viel mehr Diplomaten und Journalisten in Moskau akkreditiert, so dass die deutsche Öffentlichkeit sehr gute Möglichkeiten hatte,

„sich über die Verhältnisse in der Sowjetunion objektiv und unter den verschiedensten Gesichtspunkten zu unterrichten… Diese Seite des Rapallogeistes ist von den außenpolitisch denkenden Kreisen in Moskau auch weitgehend gewürdigt worden, und hierauf beruhte die jahrelange exzeptionelle Stellung deutscher Besucher oder ständiger Gäste in der Sowjetunion. Denn das Ausland machte sich, soweit es bestrebt war, mehr als rein Propagandistisches aus dem Rätereich zu erfahren, diese von Deutschland gebotenen Möglichkeiten zunutze. Deutsche Presseberichte und andere Originalarbeiten mit allgemeinen und Spezialergebnissen über sowjetische Themen wurden erlaubt und unerlaubt in größerem Umfang nachgedruckt und übersetzt…“^7

Deutschland blieb bis 1933 ein besonderer Partner der Sowjetunion.

„Das ‚deutsch-sowjetische Sonderverhältnis‘ (Geyer) beruhte auf jener machtpolitischen Interessenentsprechung, die – wie Klaus Hildebrand überzeugend argumentiert – in die zeitweise Zielübereinstimmung mündete, „im Zuge europäischer Gleichgewichtspolitik gemeinsam ein Gegengewicht zur Entente zu schaffen und machtpolitischen Bewegungsspielraum zu gewinnen.“^8

Das Verhältnis war trotz allem, bei aller Kritik, von gegenseitigem Respekt gekennzeichnet und erlaubte gute Beziehungen auf vielen Ebenen.

2. Deutschlands Sicht auf die UdSSR 1933 bis 1941

Hitlers Gedanken zur Sowjetunion

Die NSDAP wurde 1920 gegründet. Sie war eine von vielen kleinen, unbedeutenden Parteien des rechtsextremen Spektrums. Nach einem eher lächerlichen Putschversuch wurde Hitler 1923 zu Festungshaft verurteilt. Dort schrieb er „Meine Kampf“, das 1925 veröffentlicht wurde. Darin und in „Zweites Buch“ von 1928 legte Hitler seine Ideologie und seine Vorstellungen, wie nationalsozialistische Politik auszusehen hat, genauestens dar.

Kampf und Krieg waren für ihn die normalen Mittel der Politik. Und der Gegner stand schon lange fest.

„Das Krebsgeschwür der Geschichte seien die Juden, die extremste Verkörperung dieses Übels aber der Bolschewismus. Dieser jüdische Bolschewismus schicke sich an, den Tod der höheren, indogermanischen Rassen zu besiegeln und damit die Weltherrschaft zu erringen. Als einzige Ziele eines künftigen deutschen Waffengangs habe die Ausrottung dieser Weltverderber und die eigene gewaltsame Eroberung von Lebensraum im Osten zu gelten. Dabei seien alle supranational verabredeten oder aus der gültigen Ethik folgenden völkerrechtlichen oder moralischen Begrenzungen im Falle eines solchen Krieges nicht bindend. Der Kampf gegen den Rassenfeind und für Lebensraum sei ein Krieg um Deutschlands Schicksal und daher ein gerechter Krieg. Er dürfe folglich mit allen – auch den inhumansten – Mitteln geführt werden.“^9

Zu dieser Vermischung von Hass auf Juden und auf den Bolschewismus kommt noch eine tiefgreifende Verachtung alles Slawischen.

„Das zaristische Rußland war in Hitlers Augen ‚kein typisch slawischer Staat‘^10 gewesen. Da dem Slawentum – Hitler setzte dieses im allgemeinen mit der Bevölkerung der Sowjetunion gleich – jede organisatorische, staatenbildende Kraft fehle, da es keine fähige, nationale Elite aufzubieten habe, sei es stets auf fremde Führungsschichten angewiesen. Seit Peter dem Großen sei es das deutsche Element, die nur oberflächlich russifizierte Oberschicht, gewesen, die Rußland regiert habe. Die russische Seele jedoch, in ihrer typischen Weichheit und Triebhaftigkeit, befinde sich in einem biologisch-rassisch verankerten Gegensatz zur harten, rationalen und nüchternen nordisch-deutschen Wesensart, sie fühle sich vielmehr vom französischen Nationalcharakter angezogen. Dieser Urgegensatz sei bereits zur Zeit Bismarcks immer deutlicher hervorgetreten, er habe die deutsche Oberschicht in Rußland zurückgedrängt und politisch zum Panslawismus, kulturell zum Nihilismus geführt. – Diese knappe Zusammenfassung dürfte bereits ausreichen, um die doppelte Tendenz in Hitlers Charakterisierung der Slawen deutlich zu machen. Zum einen argumentiert Hitler hier rassenideologisch gegen die Möglichkeit einer dauerhaften, positiven Verbindung zwischen Russen und Deutschen, wobei er
die Ursache dafür im slawischen Wesen sieht, ‚im innersten Protest des slawischen Wesens gegen das deutsche‘ ^11

Zum anderen erscheint das Slawentum als verfügbare Menschenmasse niederen Ranges, die von ihrer Wesensart her nur als Objekt zielbewußten Handelns taugt.“^12
Mit dieser Sicht auf Russland knüpft Hitler an Vorstellungen aus der Zeit des 1. Weltkriegs an (s.o. im Kapitel über die Weimarer Republik). Sowohl seine geostrategischen als auch seine rasseideologischen Ideen sind von daher nichts wirklich Neues, sondern sie sind schon vorher in Deutschland formuliert worden.

Für Hitler war es sehr klar, dass eine weitere, auch zukünftige Zusammenarbeit mit der Sowjetunion ein für allemal ausgeschlossen werden musste. Aus diesem Grund hatte er schon 1922 als einziger rechter Parteiführer vehement gegen die Rapallo-Verträge agiert.
Gegen diese Haltung gab es in den Zwanziger Jahren eine parteiinterne Opposition, den Strasser-Flügel, der sich als sozialistisch verstand und zusammen mit der Sowjetunion gegen die Westmächte stehen wollte.
Auch Goebbels gehörte dazu.

„Notiz im Goebbels-Tagebuch, 15. Februar 1926:
‚Ich bin wie geschlagen.Welch ein Hitler? Ein Reaktionär? Fabelhaft ungeschickt und unsicher. Russische Frage: vollkommen daneben, Italien und England naturgegebene Bundesgenossen. Grauenhaft! Unsere Aufgabe ist die Zertrümmerung des Bolschewismus. Bolschewismus ist jüdische Mache! Wir müssen Russland beerben! 180 Millionen!!! (…) Wohl eine der größten Enttäuschungen meines Lebens. Ich glaube nicht mehr restlos an Hitler. Das ist das Furchtbare: mir ist der innere Halt genommen. Ich bin nur noch halb.‘“^13

Aber Goebbels lief bald danach wieder zu Hitler über.
Die verbliebene innerparteiliche Opposition des Strasser-Flügels zerstreute sich und verlor an Bedeutung.Trotz dieser Bedeutungslosigkeit wurde der Rest 1934 in der „Bartholomäus-Nacht“ ermordet.

Schon mit der „Machtergreifung“ Hitlers wurde der Krieg im Osten, der das alleinige Ziel seiner Politik war, konsequent vorbereitet, sowohl propagandistisch, als auch wirtschaftlich und die Aufrüstung betreffend. Die Propaganda verbreitete vor allem anderen das Bild, dass der Bolschewismus, das Judentum, die Sowjetunion, die Komintern, die deutschen Kommunisten, alles zusammen das einzige, große Böse sind, das es zu bekämpfen gilt.

Am 3. Februar 1933 lud Hitler die militärische Führung ein und erläuterte ihnen
sein Programm, worin die Absicht erklärt wurde, alle Einschränkungen
des Versailler Vertrages zu beseitigen und den Marxismus auszurotten. Zudem verkündete er das Ziel „die Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung.“^14

Vieles davon traf auf Zustimmung seitens der anwesenden Führungsoffiziere. Aber es gab Bedenken, die wirtschaftliche und besonders die geheime militärische Zusammenarbeit zu beenden. Das galt für die Militärs ebenso wie für die wichtigen Wirtschaftskreise.

Hitler handelte.

Im Mai 1933 wurde die – zunächst noch geheime – Luftwaffe geschaffen. Im September 1933 wurden die Beziehungen zur Sowjetunion weitgehend abgebrochen. Alles, was der Rapallo-Vertrag bedeutete, wurde beendet. Im Oktober trat Deutschland aus dem Völkerbund aus. Damit beendete Deutschland seine Bindung an international gültige Rechtsnormen. Von nun an war das Recht das, was dem deutschen Volke nutzt, bzw. das, worin Hitler einen Nutzen sah. Am 16. 2. 1935 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, und im März 1936 marschierte die Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland ein. 

Gleich 1933 begann die Verfolgung von Kommunisten und Sozialisten, von denen 100.000 sofort in extra dafür eingerichtete Konzentrationslager eingesperrt wurden. 

Der Röhm-Putsch im Juni 1934 beendete die Gefahr eines Konflikts zwischen SA und Wehrmacht, und nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg im August 1934 wurde Hitler auch Oberbefehlshaber der Wehrmacht.

All dies bewirkte, dass die Wehrmacht nun weitgehend geschlossen hinter der nationalsozialistischen Politik stand. Und Hitlers Sicht auf die Sowjetunion wurde mehr und mehr zu der überall in Deutschland üblichen Sicht der Dinge. Die immer stärkere Verschärfung des Propaganda-Krieges tat ihren Dienst.

„Große antibolschewistische Schauen tourten in den dreißiger Jahren durch deutsche Städte mit dem Ziel, das wahre, das semitische Gesicht der UdSSR zu zeigen und deren tödliche Pläne offenzulegen. Hunderttausende deutscher Jungen und Männer sahen diese menschenverachtenden Schauen, bevor sie wenige Jahre später an der Ostfront in den Kampf zogen.“ ^15

Es ging nun um die konkrete Vorbereitung des Krieges gegen die Sowjetunion. Zunächst schloss Hitler 1934 einen Pakt mit Polen, was alle erstaunte, da die Beziehung zu Polen nicht gerade von Freundlichkeit geprägt war. Aber Hitler erhoffte sich, dass Polen ihn bei seinen Kriegsplänen gegen Russland unterstützen würde. Allerdings wurde es mit der Zeit immer deutlicher, dass Polen sich darauf nicht einlassen würde, und im März 1939 verkündete der britische Premierminister Chamberlain eine Garantieerklärung für die Unabhängigkeit Polens.

Das bewog Hitler, erneut über die Sowjetunion nachzudenken. Zum einen die Aussicht, wichtige Handelsbeziehungen wieder aufnehmen zu können, die auch für die Rüstung essentiell waren, und zum anderen die Befürchtung, die UdSSR könnte mit den Westmächten einen Beistandspakt schließen, bewirkte, dass Deutschland Verhandlungen mit der Sowjetunion aufnahm. 

Am 23. 8. 1939 flog Ribbentrop nach Moskau und unterzeichnete, gemeinsam mit Molotow, den Nichtangriffspakt.

Die sowjetische Regierung, besonders der Außenkommissar Litwinow, hatte vorher lange versucht, zu einer militärischen Sicherheitsarchitektur zusammen mit den Westmächten zu kommen. Dies aber scheiterte, vor allem deshalb, weil England, Frankreich, die USA und auch Polen das bolschewistische Russland für weitaus gefährlicher hielten als das nationalsozialistische Deutschland. Die Westmächte lehnten jegliche konkrete Zusammenarbeit mit der Sowjetunion ab. Es ist anzunehmen, dass dies der Hauptgrund für Stalin war, sich auf diesen Pakt mit Hitler einzulassen.

Hitler hat seine hinter diesem Pakt stehenden Ziele sehr deutlich am 11. 8. 1939 gegenüber Carl J. Burckhardt geäußert, dem Völkerbundkommissar in Danzig:

„Ich habe keinen Wunsch zu herrschen. Vor allem will ich vom Westen nichts, heute nicht und nicht morgen. Ich wünsche nichts von den dichtbesiedelten Regionen der Welt. Hier suche ich nichts und ein für allemal: gar nichts. All die Ideen, die mir die Leute zuschreiben, sind Erfindungen. Aber ich muss freie Hand im Osten haben. (…) Alles was ich unternehme, ist gegen Russland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden.“^16

Zunächst aber ermöglichte es dieser Pakt Deutschland, Polen zu überfallen, was ja kurz nach der  Unterzeichnung auch geschah.

Die Sowjetunion allerdings gewann dadurch Zeit, um die Armee und das Land verteidigungsfähig zu machen. 

Der Beginn des zweiten Weltkriegs

Am 1. 9. 1939 griffen deutsche Truppen Polen an. Am selben Tag erklärten Frankreich und England Deutschland den Krieg.

Der Krieg gegen Polen wurde tatsächlich, wie vorher propagiert, ein „Blitzkrieg“.
Am 17. September griff die Sowjetunion den Osten Polens an.
Polen kapitulierte am 27. September. Am Tag danach wurde das Land neu aufgeteilt. Der Westen einschließlich Warschaus ging an Deutschland, der Osten an die Sowjetunion.

Im westlichen, von Deutschland besetzten Teil, wurde bald darauf ein nationalsozialistisches Besatzungsregime errichtet, das sofort mit einem Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung begann. Bis Ende 1939 fielen diesen Mordaktionen mehrere Zehntausende Menschen zum Opfer, überwiegend Juden und polnische Führungskräfte.

Sofort nach der Eroberung Polens wurden große Teile der Wehrmacht nach Westen verlegt, aber der Angriff auf Frankreich ließ noch auf sich warten. Vorher eroberte Deutschland fast kampflos Dänemark und dann, mit etwas mehr Aufwand, Norwegen.
Norwegen wurde von den Westalliierten unterstützt, weshalb Deutschland große Schwierigkeiten um Narvik bekam. Aber als dann am 10. Mai 1940 die deutsche Westoffensive begann, zogen die Westalliierten den größten Teil ihrer Truppen aus Norwegen ab, und die deutsche Wehrmacht konnte auch dieses Land besetzen.

Nun folgten in schnellem Tempo die Niederlande, Luxemburg und Belgien. Am 22. 9. wurde der Waffenstillstand mit Frankreich unterzeichnet. Die besetzten Teile Frankreichs blieben unter deutscher Verwaltung, das restliche Frankreich wurde unter die Kontrolle von Marschall Pétain gegeben, der von Vichy aus ein autoritäres Regime führte.

Die eigentlich geplante Invasion Englands scheiterte im Herbst 1940, vor allem an der überlegenen britischen Luftabwehr. Daraufhin wurden diese Invasionspläne stillschweigend aufgegeben.

Hitler betrieb nun eine verstärkte Bündnispolitik. Der Pakt mit Italien wurde um Japan erweitert. Ungarn, die Slowakei, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien und Finnland schlossen sich in den folgenden Monaten diesem Pakt an. Auf diese Weise wurde das Aufmarschgebiet Deutschlands für den Krieg gegen Russland gesichert.

In dieser Situation gab Hitler seiner militärischen Führung den Auftrag, den Angriff auf die Sowjetunion zu planen.

3. Das Unternehmen „Barbarossa“

Die Feldzüge und Eroberungen im Westen und Norden Europas waren für Hitler nur eine Art Vorgeplänkel vor dem eigentlichen Krieg, um den es ging.
Die Eroberung von „Lebensraum im Osten“, verbunden mit der Vertreibung oder Vernichtung der „minderwertigen“ Menschen, die dort lebten, also Slawen, orientalische Barbaren, Juden und Kommunisten war immer das Ziel gewesen.
Und dieser Krieg würde „ein Krieg wie kein anderer“ werden, wie der Titel eines lesenswerten Buches^17 sagt. Es sollte kein“einfacher“ Eroberungskrieg werden, sondern ein Vernichtungskrieg, ohne jegliche Regeln und Beschränkungen durch das humanitäre Kriegsrecht.

Am 30. März 1941 hielt Hitler in der Reichskanzlei eine Rede vor den etwa 100 Befehlshabern und Stabschefs des Heeres, in der er die Art der Kriegführung gegen die Sowjetunion skizzierte:

„Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander. Vernichtendes Urteil über Bolschewismus, ist gleich asoziales Verbrechertum. Kommunismus ungeheure Gefahr für die Zukunft. Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf. Wenn wir es nicht so auffassen, dann werden wir zwar den Feind schlagen, aber in 30 Jahren wird uns wieder der kommunistische Feind gegenüberstehen. Wir führen nicht Krieg, um den Feind zu konservieren. (…) Kampf gegen Russland: Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz. (…) der Kampf muss geführt werden gegen das Gift der Zersetzung. Das ist keine Frage der Kriegsgerichte. (…) Der Kampf wird sich sehr unterscheiden vom Kampf im Westen. Im Osten ist Härte mild für die Zukunft. Die Führer müssen von sich das Opfer verlangen, ihre Bedenken zu überwinden.“^18

Auf der Grundlage dieser Erklärung Hitlers erarbeitete die Führung des Oberkommandos der Wehrmacht vier grundsätzliche Befehle, die später die „verbrecherischen Befehle“ genannt werden würden:

„Am 13. Mai 1941 wurden die für Delikte der Zivilbevölkerung sonst zuständigen Kriegsgerichte abgeschafft: ‚Freischärler‘ wie alle tatverdächtigen Zivilisten mussten von der Truppe an Ort und Stelle erledigt werden; falls sie nicht gefasst wurden, sollten ‚kollektive Gewaltmaßnahmen‘ gegen umliegende Dörfer und deren Einwohner erfolgen.
Damit wurde von Beginn an eine zweite Front eröffnet und legitimiert – der Partisanenkrieg als Kampf gegen die Zivilbevölkerung.

Am 19. Mai folgten ‚Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland‘, in denen für jeden Soldaten die Feindgruppen des künftigen Krieges definiert wurden: Der Kampf gegen den Bolschewismus, den ‚Todfeind des nationalsozialistischen deutschen Volkes‘, verlange ‚rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure ,Juden‘. Damit waren die Juden als militärischer Feind benannt

Am 6. Juni erging der Befehl zur Behandlung der Kommissare der Roten Armee: Als ‚Urheber barbarisch asiatischer Kampfmethoden‘ seien diese, ‚wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen‘. Damit war der Gefangenenmord auf dem Schlachtfeld eingeführt.

Am 16. Juni erfolgten Bestimmungen über die Kriegsgefangenen: Die ihnen zustehenden Rechte wie ausreichende Ernährung und medizinische Versorgung wurden faktisch außer Kraft gesetzt; am 8.September erging eine Anordnung, dass der gefangene Rotarmist ‚jeden Anspruch auf Behandlung als ehrenhafter Soldat und nach dem Genfer Abkommen verloren’ habe. Ab jetzt waren die Gefangenen endgültig Freiwild.“^19

Nach all diesen Vorbereitungen griff Deutschland am 22. 6. 1941 die Sowjetunion an. Ohne Kriegserklärung, während der Gültigkeit des Nichtangriffspaktes, mit der propagandistischen „Erklärung“, dass Deutschland dem russischen Angriff nur sehr knapp zuvorgekommen wäre.

„Hitlers Ostarmeen marschierten unter größter Geheimhaltung auf, und Stalin ließ trotz vielfältiger Warnungen seines eigenen Geheimdienstes bis zur letzten Minute kriegswichtige Lieferungen über die deutsche Grenze rollen. Noch im Mai hatte er Vorschläge seines Generalstabes ignoriert, dem immer deutlicher erkennbaren deutschen Aufmarsch mit einem Präventivangriff zu begegnen. Das hätte jener ‚Liebesdienst‘ sein können, auf den Hitler nur wartete, denn die Wehrmacht war bestens darauf vorbereitet, einen solchen Angriff abzuwehren und den Gegner dort zu schlagen, wo sich an der Weichsel und in Masuren bereits russische Massengräber aus den Schlachten von 1914 und 1920 befanden. Auch politisch wäre ein solcher selbstmörderischer Angriff der Roten Armee höchst willkommen gewesen, um einen Krieg gegen die UdSSR innen- und außenpolitisch besser vermitteln …zu können.“^20

Gleichzeitig mit diesem Angriff auf die UdSSR wurde die systematische Massenvernichtung der Juden begonnen. Im besetzten Polen wurden Vernichtungslager errichtet und in Betrieb genommen, vor allem für die Juden aus Deutschland und aus den eroberten Gebieten. In der Sowjetunion ermordete man alle Juden, derer man habhaft werden konnte, direkt vor Ort, vor allem durch Erschießen oder Erhängen. Am Ende waren es hier etwa 2,6 Millionen jüdische Opfer.

Da die nationalsozialistische Propaganda Juden und Kommunisten als identisch darstellte, ist es nur folgerichtig, dass Judenvernichtung und Bolschewikenvernichtung zusammen betrieben wurden. Die Judenvernichtung ist untrennbar mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion verbunden.

Aus einer „Gedächtnis-Skizze“ des deutschen Soldaten Fiedler: 17. 10. 41
„…Am Abend gibt es Wodka als Marketenderware, die der Kamerad Habich mitgebracht

hat, er erzählt bei seiner Rückkehr von Lubny noch folgendes Erlebnis. Ueberschrift ‚moderne Umsiedlung‘. Die jüdische Bevölkerung von Lubny hatten mittels Plakate die Aufforderung erhalte, sich am anderen Morgen mit Frauen und Kindern unter Mitnahme aller Wertsachen um 9.00 Uhr zwecks Umsiedlung am Ausgang der Stadt zu versammeln. 

Pünktlich ist alles zur Stelle, als ein grünes, geschlossenes Auto vorfährt, dem SS-Männer entsteigen. 1600 jüdische Männer, Frauen und Kinder werden in Gruppen zu 60 Mann eingeteilt und mit Knüppeln nach einer Sandgrube getrieben. Kleider. Pelze und  Schmucksachen werden in Säcken gesammelt, mit entblößtem Oberkörper müssen sie sich hinlegen in Reihen. Zwei SS-Männer schießen mit  Maschinenpistolen jedem eine Kugel in den Kopf. Die nächsten Opfer müssen sich auf die Toten legen und werden ebenfalls physisch vernichtet. Beim Fallen der ersten Schüsse schreit alles vor Angst auf und will entfliehen, doch die Knüppel der Wachmannschaft sind schneller, keiner entkommt. Nachmittag gegen 3 Uhr ist die gesamte jüdische Einwohnerschaft von Lubny in den Himmel umgesiedelt worden. So geschehen im Jahre des Heils Eintausendneunhunderteinundvierzig am 17. Oktober Vormittag zwischen 9.00 und 15.00 Uhr. Diese Heldentat ist für meine Kameraden ‚ein Grund zum Trinken‘, fröhliche Lieder werden laut. Kamerad J. stimmt das Freiheitslied ‚die Juden ziehn dahin, daher sie ziehn durchs rote Meer, die Wellen schlagen zu, die Welt hat Ruh‘ an, und ich gehe still ins Bett, von manchen gehänselt wegen meiner Gefühlsduselei.“^21

Die vier verbrecherischen Befehle bestimmten das Vorgehen der deutschen Wehrmacht und der SS während des gesamten Krieges gegen die UdSSR. Während eines langen Zeitraums nach dem Krieg wurde in Westdeutschland die Sache so dargestellt, als sei die Wehrmacht „sauber“ geblieben, habe sich also nicht der Verbrechen gegenüber Zivilisten und Kriegsgefangenen schuldig gemacht. Erst in den 1990er Jahren wurde das öffentlich widerlegt, vor allem durch die in dieser Zeit stattgefundene Wehrmachtsausstellung.^22

Es gab natürlich auch damals deutsche Soldaten, die diese verbrecherische Vorgehensweise ablehnten, aber die weitaus meisten taten kritiklos, was von ihnen verlangt wurde. Man darf nicht vergessen, dass sie alle schon seit Jahren der NS-Propaganda ausgesetzt waren und das dort dargestellte Bild des bösen, barbarischen, minderwertigen Menschen in der Sowjetunion verinnerlicht hatten.

Durch diese Befehle gab es eine starke Radikalisierung der Soldaten im Sinne von Bereitschaft, Morde und Grausamkeiten zu begehen.

Auch bei der Roten Armee kam es durch diese Befehle zu einer Radikalisierung. Wenn Kriegsgefangene gnadenlos ermordet werden, wenn die Dörfer abgebrannt und die Bewohner erschossen oder aufgehängt werden, bewirkt das bei einem Soldaten nicht die Bereitschaft, gnädig mit diesem Gegner umzugehen.

So entstand in diesem Krieg eine Eskalation der Gewalt, die ohne Beispiel ist.

Beispiele für die Taten deutscher Soldaten, aus dem Tagebuch eines Obergefreiten Richter:
„1. Juli 1941. Wir erschossen 60 Gefangene beim Regimentsstab. 7. Juli: Matula und ich stöberten ein bisschen in unserm Quartier herum. Es gab fette Beute: 25 Eier und einen Sack Zucker …19. Juli: Uto (Udo) erwischte einen Partisanen und hing ihn auf.“^23

und eines Major Resch:
„2. Juli 1941: Juden erschossen.3. Juli: Wir brechen auf. 22 russische Soldaten, einige von ihnen verwundet, werden in dem Hof eines Bauern erschossen. Fruchtbares Tal. Windmühlen. 6. Juli: Rast bei einem ukrainischen Bauernhaus. Luftangriff, später noch mehr Angriffe. Wir machen uns ein Omelette. Aufbruch (hell, Mondnacht). 7. Juli: Bomber.
9. Juli: Kommissar von einer MG-Abteilung erledigt. 10 Juli: Verlegung nach Norden mit dem Zug. (Alte Frau mit Kindern Kontakt zu Partisanen.) Zwei Leichen in einem Haus. Verstärktes russisches Artilleriefeuer. 12. Juli. Hübsche, ordentliche Dörfer. Ein Streifschuss von hinten auf meinen Stahlhelm. Dafür sterben drei Dorfbewohner. Ich liege in einem Obstgarten, als plötzlich eine Handgranate explodiert, ganz in meiner Nähe. 13. Juli: Ein deutscher Luftwaffensoldat getötet, 50 Juden erschossen.“^24

Und so ging es in diesem Krieg bis zum Ende weiter. Wehrmacht und SS häuften ungeheuerliche Kriegsverbrechen an. Ermordung von Zivilisten, Niederbrennen ganzer Dörfer, Ermordung und Verhungernlassen von Kriegsgefangenen, Verschleppung von Menschen, um sie zu schlimmster Zwangsarbeit zu zwingen. All das war ganz „normaler“ Alltag. 

Allein die Blockade Leningrads, die vom 8. 9. 1941 bis 27. 1. 1944 dauerte, forderte weit über 1 Million ziviler Opfer, vor allem durch Verhungern. 

Insgesamt liegen die Opferzahlen der UdSSR in diesem Krieg bei etwa 27 Millionen Menschen, davon 15 Millionen Zivilisten. 

Dieser Krieg war tatsächlich „ein Krieg wie kein anderer“, er war ein Vernichtungskrieg, so wie Hitler das wollte.

Das Verhalten von Wehrmacht und SS gegenüber den Menschen, Soldaten wie Zivilpersonen, änderte sich auch nicht, als die militärische Lage für Deutschland immer schlechter wurde. Die Rote Armee gewann zunehmend die Oberhand und rückte konstant nach Westen vor, bis sie schlussendlich im April 1945 Berlin eroberte. Die deutsche Kapitulation am 8. Mai 1945 setzte diesem Krieg ein Ende.

„Die Sowjetunion zwang Deutschland zwar zur militärischen Kapitulation, doch auf dem ideologischen Schlachtfeld blieben die Deutschen Sieger. Ihre Parole „Europa gegen den Bolschewismus“ überlebte den Untergang des NS-Staates und sorgte dafür, dass das ganze Ausmaß der deutschen Verbrechen im Osten für viele Jahre unbeachtet blieb.

Unmittelbar nach Kriegsende war jedoch erahnbar, welchen Blutzoll die Sowjetunion gezahlt hatte. Der Löwenanteil des in Hunderten von Ordnern zusammengetragenen Beweismaterials, auf das sich die Anklage gegen die obersten NS-Funktionäre beim Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg stütze, stammte aus der Sowjetunion. Die sowjetischen Vertreter brachten darüber hinaus die meisten NS-Opfer als Zeugen in den Gerichtssaal. Das Plädoyer der sowjetischen Anklage, das als letztes der vier alliierten Mächte vorgetragen wurde, endete mit der Vorführung eines Films, der Gräueltaten der Deutschen in Russland, der Ukraine, Weißrussland den baltischen Republiken und Polen zeigte. Die Aufnahmen ließen viele Zuschauer verstört zurück. Ein Reporter der New York Times schrieb: ‚Nichts hat das Grauen der deutschen Besatzung im Gerichtssaal so vergegenwärtigt wie der heutige Film.‘

Doch die Welt verlor bald das Interesse an dem millionenfachen sowjetischen Leid. Zwei Wochen nach der Ausstrahlung des sowjetischen Films in Nürnberg warnte Winston Churchill vor dem „Eisernen Vorhang“, der sich auf Europa herabgesenkt habe, und vor Stalin als einem Aggressor nach dem Vorbild Hitlers. Stalin seinerseits verglich in einer wütenden Antwort Churchill mit Hitler. Das Auseinanderbrechen des Kriegsbündnisses beendete die gemeinsame Strafverfolgung der NS-Kriegsverbrecher durch die Alliierten. Für die sowjetische Seite enthielt Nürnberg die Lehre, dass internationale Tribunale die Interessen der Sowjetunion nicht förderten und sie sich daher künftig nicht mehr daran beteiligen sollten. Politiker im Westen begannen ihrerseits, den ehemaligen Verbündeten als „totalitären“ Feind zu denunzieren. Im Zuge dieser Entwicklung verlor der Westen Millionen von sowjetischen Opfern aus den Augen.“¹

Die politische Entwicklung nach Kriegsende, die Rolle Deutschlands und besonders der USA dabei, ist sehr interessant und bedarf einer gesonderten Betrachtung.

Statt einer echten, reuevollen Aufarbeitung dessen, was Deutschland in der Sowjetunion angerichtet hatte, statt einer Trauer darüber, begann eine erneute Konfrontation. Der Westen, die „Guten“ gegen die Sowjetunion, erneut das „ultimative Böse“. Und Westdeutschland mittendrin.

1 Ludwig Hümmert, Zwischen München und St. Petersburg, Bayerisch-russische Beziehungen von 1779 bis 1918, München 1977, S. 131 und 133, Zitiert in : Igor Mayimytschew, Der Vertrag von Brest-Litowsk und das Problem der europäischen Sicherheit heute

2 Igor Maximytschew, Der Vertrag von Brest 1918 und das Problem der europäischen Sicherheit heute, S. 7

3  ebenda S. 8

4 Von dieser militärischen Intervention weiß kaum jemand, deshalb hier eine kurze Erläuterung. Im Frühling 1918 landeten französische, englische und US-amerikanische Truppen in Murmansk, Archangelsk, Odessa, Sewastopol und anderen Orten in den russischen Grenzregionen. Japaner wurden in großer Zahl in Wladiwostok stationiert. Diese Truppen waren gekommen mit dem expliziten Ziel, die Sowjetregierung zu stürzen. Das versuchten sie mit eigener Kampfkraft und vor allem, indem sie den weißgardistischen Konterrevolutionären großzügige Unterstützung gaben. Daraus entstand ein grausamer Bürgerkrieg, der erst im Jahre 1920 durch die Rote Armee beendet wurde, Das letzte japanische Kriegsschiff verließ erst 1922 Wladiwostok. 

5 Simons an Tschitscherin 22. 7. 1920, zitiert in: Der Westen und die Sowjetunion

6 Denkschrift Seeckt über „Deutschlands nächste politische Aufgaben“ an Reichspräsidenten, Reichskanzler, Außenminister und Reichswehrminister v. 26. 7. 1920, zitiert in: Der Westen und die Sowjetunion, S. 3

7 Arthur W. Just, Rußland in Europa, Stuttgart 1949, S. 37, zitiert in: Der Westen und die Sowjetunion, S. 54
8  Klaus Hildebrand, Das Deutsche Reich und die Sowjetunion im internationalen System, S. 39, zitiert in : Der Westen und die Sowjetunion, S. 86

9 Aus „Mein Kampf“ in: Hannes Heer, Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion: Massenmord nach Plan, veröffentlicht in: Vernichtungskrieg im Osten und die sowjetischen Kriegsgefangenen, Boebel/Heidenreich/Wentzel (Hrsg.), Hamburg 2012
10 Zweites Buch, S. 156, zitiert in. Der Westen und die Sowjetunion, S. 63

11 Zweites Buch, S. 157 zitiert ebenda
12 Der Westen und die Sowjetunion, s. 63
13 Der Feind steht im Osten, S. 42

14 Manfred Messerschmid, Die Wehrmacht im NS-Staat, Hamburg 1969,S. 11, ziitert in: Vernichtungskrieg im Osten, S. 13
15 Jochen Hellbeck, Ein Krieg wie kein anderer, S. 13

16 zitiert in: Der Feind steht im Osten, S. 1

17 Jochen Hellbeck, Ein Krieg wie kein anderer, Frankfurt/M. 2025
18 Auszug aus Hitlers Ausführungen vom 30. 3. 1941, nach den Aufzeichnungen von Generaloberst Halder,
zitiert in Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette (Hrsg.), Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion,
Frankfurt/M. 2011, s. 249

19 Hannes Heer, Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion: Massenmord nach Plan,
in: Boebel/Heidenreich/Wentzel (Hrsg.): Vernichtungskrieg im Osten und die sowjetischen Kriegsgefangenen, S. 42; die angeführten Zitate sind aus den Originaldokumenten entnommen, veröffentlicht in: Ueberschär/Wette, Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion, auf den Seiten 252f, 258, 259f, 261, 295 f, 297ff
20 Rolf-Dieter Müller, Der Feind steht im Osten, Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahre 1939, Berlin 2011, S. 242f

21 Hannes Heer, Vom Verschwinden der Täter, Berlin 2004, S. 82f
22 siehe dazu: Hannes Heer, Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion S. 25 ff
23 Hannes Heer, Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, S. 34

24 ebenda