Louis
Da die anderen Teilnehmer z. T. schon vollständige chronologische Reiseberichte geschrieben haben und ich unnötige Wiederholungen vermeiden möchte, beantworte ich hier nur die vorgegeben Fragen und gebe darüber hinaus sowohl Ergänzungen zu dem bereits Gesagten sowie auch Erzählungen von für mich bedeutsamen Momenten.
Sollte man das Projekt fortsetzen und wenn ja, warum?
Auf jeden Fall! Erstmal war es einfach eine wirklich tolle Reise. Hier schätze ich die Arbeit der Gesellschaft bei der Organisation der Reise, da es momentan doch etwas überfordernd wirkt, als Deutscher auf eigene Faust eine Reise nach Russland zu unternehmen. Eine selbstorganisierte Reise wäre außerdem wahrscheinlich viel touristischer gewesen. Die durch die Gesellschaft organisierte Reise hatten einen starken Austausch-Charakter, was den Kontakt mit der russischen studentischen Jugend enorm erleichtert hat. Das ist ein Aspekt, der mir besonders wichtig war, da ich wissen wollte, wie die Leute ticken, die sich in einer ähnlichen Lebenssituation wie ich, jedoch in einem ganz anderen Land befinden. Es war für mich ein wertvolle Erfahrung und das kann es sicher auch für andere junge Leute sein.
Was bringt Ihr Euren deutschen Freunden mit?
Auch aktuell ist ein Besuch Russlands zu empfehlen. Die Russen sind – zumindest zu uns Deutschen – äußerst herzlich und auch freundschaftlich eingestellt.
Wie kompliziert war die Anreise aus Sicht der Teilnehmer, welche Probleme gab es?
Die Anreise war nicht besonders kompliziert. Es ist so ähnlich, als würde man in ein x-beliebiges anderes entfernteres Land reisen, welches kein häufiges Ziel deutscher Touristen ist. Die Etappe über Königsberg wirkt retrospektiv womöglich etwas unnötig. Lange Fahrzeit im Bus, mühsame Grenzkontrolle… es kommt die Frage auf, warum man nicht den Weg im Flugzeug über Istanbul gewählt hat.
Was war besonders beindruckend? Was war nicht so gut?
Als allererstes die Herzlichkeit, die uns als Besuchern entgegengebracht wurde. Wir wurden sowohl an der Universität als auch von Leuten auf der Straße mit großen Enthusiasmus und Wohlwollen willkommen geheißen. An der Universität hat man uns als Ehrengäste behandelt und sich bemüht, unseren Aufenthalt möglichst angenehm, spannend und auch lehrreich zu gestalten.
An der Reise gab es eigentlich nicht Ernstes, was nicht so gut war. Das Essen, welches uns in der Cafeteria der Universität aus aufgewärmten Plastikbechern serviert wurde, ließ durchaus zu wünschen übrig. Nichtsdestotrotz war ich sehr dankbar, dass unsere Verpflegung auf diese Weise übernommen wurde. Die anwesenden sich vegetarisch ernährenden Reiseteilnehmerinnen waren wenig erfeut über den Umstand, dass ihnen fast tagtäglich Fisch serviert wurde. Sonst gibt einige kulturell bedingte Unterschied, die bei manchen Reiseteilnehmern mindestens für Verwunderung gesorgt haben und z. T. auch ein wenig unangenehm sein konnten. Wenn man diese kannte, war es weniger schlimm. Hier eine kurze Auflistung:
Leitungswasser ist nicht unbedingt Trinkwasser. In unserem Wohnheim gab es Leitungswasser, welches einfach nur gechlortes Wolgawasser zu sein schien. Trüb, braun und ungenießbar. Wir haben es versäumt, uns bei der Anreise mit genügend Wasser einzudecken und sind durstig im Wohnheim angekommen. Vor Ort hat man uns dann nur gesagt, wir sollten das Leitungswasser einmal abkochen und dann trinken. Wir haben es überlebt, aber schön war es nicht. Den folgenden Gruppen würden wir raten, am besten noch am Flughafen in Wolgograd Wasser zu kaufen oder auf dem Weg zum Wohnheim einen Zwischenstopp bei einem Supermarkt einzulegen.
Die Gebäude sind allgemein in einem schlechteren Zustand als in Deutschland bzw. wurden einfach schlechter gebaut.
Allgemein fallen dem detailorientierten deutschen Auge viele kleinere Mängel auf, die die Russen nicht zu stören scheinen. Im baulichen und gestalterischen Sinne ist in Russland vieles nur oberflächlich schön und dann im Detail nicht vollendet oder ordentlich ausgeführt.
Die Russen haben wenig Respekt vor oder überhaupt Verständnis von dem deutschen Konzept des Rechts am eigenen Bild. Sie machen Bilder und die landen dann auch in den Sozialen Medien, meist ungefragt.
Es ist verpönt, auf der Straße ohne Grund zu lächeln und teilweise wird es als grenzüberschreitend empfunden, Frauen die Hand zu reichen.
Wie war der Umgang mit den russischen Begleitern?
Hervorragend, warm und ausgeprägt freundschaftlich unter den Gleichaltrigen. Besonders die Freiwilligen haben sich sehr gefreut, uns kennenzulernen und es haben sich daraus echte Freundschaften entwickelt. Sie haben sich über das erwartete Maß darum bemüht, dass es uns gut ging und darum, dass wir alles hatten, was wir brauchten oder wünschten. Gleiches gilt für unsere russischen Übersetzer, die uns zuvorkommend zur Seite standen und uns auch außerhalb der im Voraus geplanten Aktivitäten in der Freizeit freundschaftlich begleitet haben.
Welche Vorurteile haben sich bestätigt oder als falsch herausgestellt?
Das Vorurteil „Russen lächeln nicht“ hat sich auf der Straße bestätigt. Wenn man ins Gespräch mit den Menschen kommt, werden sie jedoch sehr schnell warm und lächeln und lachen auch viel.
Die Russen trinken nicht viel Wodka. Wenn Alkohol getrunken wurde, war es eher Bier. Allgemein ist uns aufgefallen, dass die russische Jugend – zumindest an der Universität – weniger Alkohol trinkt als die deutsche. Auch die staatliche Regulierung des Alkoholkonsums fällt in Russland deutlich strenger aus, was in einem überraschenden Gegensatz zu den geschichtlichen Begebenheiten diesbetreffend steht.
Was hat euch überrascht?
Zuallererst die große Freundlichkeit und Herzlichkeit der Russen, die wir kennenlernen durften. Man hat sich um uns bemüht, um uns gekümmert, uns wurden viele Geschenke gemacht.
Weiterhin war es zumindest eine kleine Überraschung, dass wir in keinem Moment eine Feindseligkeit der Russen gegenüber den Deutschen oder im Allgemeinen den Völkern des Westens feststellen konnten. Einerseits überrascht das, weil der deutsche Staat einen Kriegsfeind des russischen mit Waffenlieferungen etc. unterstützt. Andererseits überrascht es auch, weil es im krassen Gegensatz zu dem Ton in den russischen Staatsmedien steht.
Was kann für folgende Reisen an der Universität verbessert werden?
Oben genannte kulturelle Unterschiede könnte man gerne im Voraus an die Teilnehmer weitergeben. Leider waren die Abläufe im Zeitplan nicht immer ganz klar. Hier würde es vielleicht helfen, schon früher zu planen und den Teilnehmern einen Zeitplan mit allen Uhrzeiten für die Programmpunkte mitzugeben, damit man weiß, was einen an einem jeden Tag erwartet. Am letzten Tag stand auf dem Plan, dass Uhrzeiten und Details noch mitgeteilt würden, dazu kam es aber nicht.
Allgemein gesagt war es ein ziemlich straffes Programm. Das war einerseits gut, weil wir in einer recht kurzen Zeit viel mitbekommen und erlebt haben. Andererseits haben wir uns teilweise sehr durch den Tag gehetzt. Z. B. war für das wirklich sehr interessante Museum über die Schlacht von Staligrad zu wenig Zeit eingeplant, sodass wir nach der Hälfte der Führung angesichts eines Zeitmangels nur noch schnell durch die vebliebenen Ausstellungräume gescheucht wurden.
Beim Gespräch mit dem Vizerektor der Uni hat er uns gefragt, ob wir noch irgendwelche speziellen Wünsche für unser Programm an der Uni hätten. Wir haben zwei Wünsche geäußert, die uns auch erfüllt wurden. Einerseits konnten wir ein 3D-Druclabor besuchen, andererseits durften wir einen Vortrag über die Sarmaten hören. Hier wäre es allerdings sicher nicht verkehrt gewesen, spezielle Wünsche im Voraus abzufragen und weiterzugeben. So hätten die Angestellten der Uni mehr Zeit gehabt sich vorzubereiten und man hätte die Punkte besser ins Programm einpassen können.
Was kann im Bezug auf die Reiseorganisation verbessert werden?
Kleinere Punkte, s. o. Auch die Kommunikation über nicht gelistete Programmpunkte war eher dürftig und nach deutscher Sensibilität zu spontan. Eine ausführlichere Erklärung, was welche Programmpunkte bedeuten und beinhalten, wäre auch schön gewesen.
Viele Teilnehmer haben ihre eigene geringe Investition in das Lernen der russischen Sprache bemängelt. Augenscheinlich war die Motivation nicht hoch genug. Im Voraus der Reise wurde gesagt, dass es nicht so essentiell sei, da unsere Begleiter an der Uni alle entweder gutes Englisch oder Deutsch sprächen. Das hat sich auch bewahrheitet, allerdings haben wir natürlich noch mit anderen Leuten interagiert, die keine der beiden Sprachen in einem nützlichen Maße beherrschten. Zusätzlich kann man noch sagen, dass die Russen sehr beeindruckt und hocherfreut waren, wenn man auch nur ein paar Sätze Russisch sprechen konnte. Gegenüber der nächsten Reisegruppe sollte man vielleicht eher betonen, wie nützlich und auch schön es ist, wenn man etwas Russisch spricht, anstatt zu betonen, dass es nicht unbedingt nötig ist.
Ähnliches gilt auch für die Anschaffung einer eSIM. Die wurde im Vorhinein auch als nicht so wichtig dargestellt. Tatsächlich hätte es aber die Kommunikation zwischen den Teilnehmern enorm vereinfacht, wenn jeder ein Handy mit Interzugriff gehabt hätte. Wir waren davon ausgegangen, dass wir meistens irgendwo WLAN-Zugriff hätten. Das war allerdings nicht der Fall, da die meisten Netzwerken eine Verifizierung mit einer russischen Telefonnumeer voraussetzten. Ähnliches gilt in einem geringeren Maße für die Anschaffung eines VPN, z. B. um über WhatsApp mit der Familie zuhause zu kommunizieren.
Gentleman WolGU
In den obigen Berichten wurde schon der Schau-Wettbewerb „Gentlemen of University“ erwähnt. Diese Darbietung hat mich enorm beeindruckt und überrascht und deshalb möchte ich darauf hier noch ausführlicher eingehen. Ein vergleichbares Ereignis habe ich nie an einer deutschen Universität erlebt. Schon die Aufmachung und Rahmenbedingungen waren erwähnenswert. Mehrere professionell wirkende Fotografen, die das Ereignis festgehalten haben, ein Moderatorenduo, eine Jury sowie Grafikdesign und Bühnentechnik auf Profi-Niveau.
Der Höhepunkt der Veranstaltung waren die Schautänze. Jede Fakultät hat hier eine eigene Aufführung geboten, mit ganz unterschiedlichen Themen. Eine Auswahl folgt: Zirkus, Straßenrennen, Schulleben, dagestanischer Volkstanz mit
Säbelkampf, Ninjakämpfe, etc. Alle waren auf einem hohen Niveau und wurden von ca. einem Dutzend Mitglieder der jeweiligen Fakultät durchgeführt. Weiterhin wurden in Vorbereitung auf die Veranstaltung aufgenommene Fotografien und Filmchen auf ähnlich hohem Niveau präsentiert. Das ganze fand in einem prall gefüllten Hörsaal statt. Die Sitzplätze waren nach Fakultäten aufgeteilt und die Besucher waren uniform in den farbigen Leibchen ihrer Fakultät gekleidet. Viele haben Plakate vorbereitet, um ihren jeweiligen Kandidaten anzufeuern und alle haben fleißig mitgejubelt.
Wir gingen davon aus dass dieser Wettbewerb ein außergewöhnliches Ereignis wäre, welches nur ein- oder zweimal im Jahr an der Uni vorkäme. Wir hatten schon in den Tagen zuvor einen freundschaftlichen Kontakt aufgebaut mit einem jungen Fräulein, welches bei der Tanzaufführung teilnahm. Sie klärte uns auf, dass so etwas in der Art eigentlich fast jeden Monat passiere und dass sie sich schon wieder auf die nächste derartige Tanzvorführung vorbereitete.
Wie bereits erwähnt, wurde am Anfang der Veranstaltung die Nationalhymne der Russischen Föderation vorgespielt und gesungen, begleitet von einem patriotisch-staatsverherrlichenden Filmchen. In Deutschland unvorstellbar, in Russland nicht weiter überraschend. Was darauf folgte, hat mich allerdings überrascht: Das gleiche, aber nochmal für die Universität. Also die Universitätshymne plus Imagefilm. Hier wurde gefühlt sogar kräftiger mitgesungen als zuvor.
Bei dieser Veranstaltung ist mir klargeworden, dass das kulturelle und zivile Leben an der Universität in Wolgograd um einiges reicher ist, als ich es von zuhause kenne. Und das obwohl (oder vielleicht auch weil?) meine Universität in Deutschland fast dreimal so groß ist.
Soldatenfriedhof Rossoshka
Ich kann mich hier den Schilderungen meiner Mitreisenden anschließen. Hinzufügen möchte ich noch die Erzählung eines persönlich bedeutsamen Moments. Auf der deutschen Seite des Friedhofs befinden sich würfelförmige Marmorblöcke, auf deren fünf sichtbaren Seiten die Namen in Stalingrad gefallener deutscher Soldaten eingemeißelt sind. Ich habe dort die Nachnamen und Vornamen meiner (Ur-)Großväter gesehen, den Vornamen meines Sohns und die Vor- und Nachnamen vieler Freunde, Klassenkameraden, etc. Das hat mich tief berührt. Viele Fragen kamen auf. Was, wenn es damals sie getroffen hätte? Wird sich eine solche Tragödie wiederholen? Oder muss man fragen, wann sie sich wiederholen wird? Wen wird es in Zukunft treffen? Hätte man damals diese ungeheuren Verluste auf beiden Seiten verhindern können? Lässt sich Krieg überhaupt verhindern oder ist er unüberwindbarer Teil der menschlichen Natur?
Freiwilligenmuseum bei Altsarepta
Wie bereits erwähnt, begegneten wir bei Altsarepta einem Mann in der Winterausrüstung eines Rotarmisten. Er bot an, uns in seinem alten Lastwagen (geschätzt 1920er o. 30er) zu einem Freiwilligenmuseum zu fahren. Wir nahmen die Einladung an und stiegen auf die Lastfläche. Nach einer Weile fuhren wir auf einen Innenhof, der mich das moderne Russland vergessen ließ. Aufgerissener und zugeschneiter, gefrorener, schlammiger Boden. Kahle, verästelte Bäume und ringsum halbruinierte Backstein- und Holzschuppen und -hallen. Ich dachte mir, so müsse es damals in Stalingrad ausgesehen haben. In der Einfahrt entdeckten wir einen alten T34 sowie einen deutschen Schützenpanzerwagen (1940er).
Jemand aus unserer Gruppe fragte, ob wir in den T34 klettern dürften. Die Antwort war ein Ja, mit dem Vorbehalt, dass wir im Innenraum keine Knöpfe drücken sollten. Nicht, dass wir noch versehentlich mit dem Gerät wegfuhren. Der äußerst engagierte Mitarbeiter des Museums hat uns daraufhin durch die Austellungsräume geführt. Molotow-Cocktail-Werfer, Funkapparate und eine ganze Sammlung alter Gulaschkanonen der Wehrmacht. Dann verschiedene hergerichtete Räume, die der Museumverein verwendete, um Filme zu drehen und dann noch ein ganzer Lagerraum bis obenhin vollgestopft mit alten Uniformen. Nach der kurzen Führung schauten wir uns noch auf dem Gelände um. Auf einer Seite des Innenhofs befand sich eine Reihe von Garagen. Hinter jedem Tor ein alter Panzer, Geländewagen oder ein Panzerauto. Auf der anderen Seite des Hofs war noch eine Werkstatt. Zwei weitere Mitarbeiter arbeiteten dort daran, einen weiteren Panzer zusammenzubauen und setzten gerade einen neuen Motor in das Chassis.
Gedanken zum Besuch des Theater im Kreml und der Kathedrale bei Mutter Heimat in Wolgograd
Als wir abends im Kreml das Theater besucht haben, um einer Ballettaufführung beizuwohnen, hatten wir noch etwas Zeit totzuschlagen, bevor die Vorstellung losging. Die Gelegenheit haben wir genutzt, um durch die Kunstausstellung im Foyer zu flanieren. Das zentrale Thema der Ausstellung war der Ukrainekrieg. Es war eine Vielzahl von Gemälden zu sehen. Manche zeigten Dronenpiloten, andere Düsenjager, wieder andere Soldaten in Schützengräben. Zwei Bilder sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. Auf dem ersten war ein russischer Soldat zu sehen, welcher neben einem toten ukrainischen Soldaten saß. Der Titel des Gemäldes lautete Donbass, Klassenkameraden. Das zweite Gemälde zeigte einen Militärkontrollpunkt im russisch besetzten Mariupol. Von den Wachstuben wehten drei Flaggen. Die der Russischen Föderation, das Berliner Banner des Sieges von 1945 mit Hammmer und Sichel und daneben eine Flagge mit dem Heiligen Antlitz Christi, wie sie typisch für die russisch-orthodoxe Militärtradition ist.
Dieser Anblick war für mich emblematisch für einen Zwiespalt der russischen Psyche. Man sieht sich als orthodox-christlich an, verehrt aber gleichzeitig das unchristlichste und mörderischste Regime des letzten Jahrhunderts. Ein krasser Gegensatz zu dem in Deutschland gepflegten Schuldkult.
Ähnliche Gedanken hat der Besuch einer kleineren Kathedrale neben der Statue Mutter Heimat ruft ausgelöst. Dort wurden nicht nur für die sogenannte Spezielle Militäroperation Spenden gesammelt, sondern waren auch Truppen der Roten Armee als Wandmalereien vertreten.
Geschenke und freundliche Worte der russischen Studenten
Hier laufe ich Gefahr mich zu wiederholen, aber die Herzlichkeit und freundschaftliche Einstellung der Russen uns gegenüber war fast überrumpelnd und wahrlich außergewöhnlich. Unsere ganze Reisegruppe wurde beschenkt mit Büchern, selbstgehäkelten Schlüsselanhängern, Süßigkeiten, Spezialitäten, Räucherfisch, T-Shirts, etc. Die Studenten haben sich enorm gefreut mit uns in Kontakt zu treten. Oft hörten wir Sätze wie „Ich freue mich so, dass ich endlich mal mit echten Deutschen Deutsch sprechen darf“. Eine Studentin sagte sogar, dass die Tage mit uns die besten ihres Lebens wären – gleich hinter dem Tag ihrer Geburt. Ich war schon in vielen Ländern der Welt, auf nahezu allen Kontinenten. Als Besucher, als Tourist, als Austauschschüler, als Austauschstudent. Trotzdem kann ich aufrichtig sagen, dass ich nirgends so herzlich empfangen wurde.
Abend in der Karaoke-Bar
Ein Umstand, der mich zum Antritt der Reise motiviert hat, ist mein großes Interesse für die russische Sprache und Musik. Entsprechend zählte unser Karaoke-Abend zu einem meiner persönlichen Höhepunkte der Reise. Wir haben erst als Reisegruppe zusammen mit einem russischen Deutschstudenten an unserem Tisch Lieder gesungen und mit Gruppa Krowy von Kino begonnen. Später ist uns dann eine Männergruppe am anderen Ende der Bar aufgefallen, die auch russische Kriegslieder gesungen hat. Wir sind auf sie zugegangen und haben zusammen Arm in Arm Kombat von Ljube gesungen.
Einer der Männer hat uns erzählt, dass er damals in Tschetschenien und jüngst in Kharkiw gewesen ist. Er war hocherfreut darüber, dass ich mich als Deutscher so für russische Musik begeistere und hat mir noch alles Gute gewünscht und meinte zum Abschied etwas gerührt, ich solle auf mich aufpassen.
Dronenwarnungen
In Wolgograd war der Ukrainekrieg für uns nicht allzu fern. Häufig erreichten uns per SMS Warnungen vor Dronenangriffen, woraufhin das Internet dann meist für 24 Stunden abgeschaltet wurde. Das erschwerte die Kommunikation zwar etwas, aber Gott sei Dank kam es in Wolgograd während unserer Zeit dort zu keinem ernsten Vorfall. Als wir bei einer Studentin zuhause zu Gast waren, erzählte sie uns, dass erst kürzlich eine Drone in das Wohnhaus direkt neben ihrem geflogen ist und dass dort ein Mann deshalb gestorben ist.






