An einen etwa 10jährigen Jungen in Cottbus“

Diesen derartig adressierten Brief erhielt ich in meiner Schule, als ich nach einem Briefkontakt aus der Sowjetunion fragte. Brieffreundschaften zwischen Jugendlichen aus der DDR und der UdSSR waren häufig. Ich schrieb mich von der 5. Bis zur 12. Klasse mit einem Mädchen, das Interesse an der Entwicklung der Stadt hatte. Ihr Vater war als Pilot mit seiner Einheit in Cottbus stationiert. Er, der aktiv an den Luftkämpfen zur Befreiung Warschaus teilgenommen und dafür einen hohen polnischen Orden erhalten hatte, blieb einige Jahre in Cottbus. Dadurch wurde seine Tochter 1948 zu einer Cottbuserin.

Sie interessierte sich für ihre Geburtsstadt und so hielt unsere Korrespondenz angesichts des konkreten Themas sieben Jahre, bis ich 1967 nach dem Abitur nach Leningrad eingeladen wurde und dort drei Wochen in der Familie verbrachte.

Der Vater hatte noch eine Schwester, die die Blockade Leningrads überlebt hatte, während die übrige Familie verhungert war. Eines Tages wurden wir in ihr Gartenhäuschen am Rande der Stadt am „Weg des Lebens“ eingeladen. Dieser Weg war ein schmaler Pfad durch eine Gartenanlage, in derenMitte mannshohe Pfähle standen. Sie waren zur Blockadezeit zwischen 1941 und 1943, der eine Million Menschen zum Opfer fiel, bei Nacht und Schnee eine Orientierung, wenn diese kleine lebenswichtige Ader in und aus der Stadt lebendig wurde und einen seidenen Verbindungsfaden ins Hinterland ermöglichte. Nach dem Willen der deutschen Faschisten sollte diese Stadt, die als „Venedig des Nordens“ galt, ausgehungert werden.

Vor dem Besuch dieser Tante meiner Brieffreundin wurde mir gesagt, dass sie sich unter dem Eindruck des Erlebten geschworen hatte, nie einem Deutschen die Hand zu geben oder mit ihm an einem Tisch zu sitzen, sie aber nichts dagegen habe, dass wir sie besuchen.

Der Bruder und eine Freundin meiner Briefpartnerin begleiteten uns. Der Weg dorthin war für mich beklemmend. Wie wird der Besuch ablaufen? Mein Wissen und die Dokumentationen über das Kriegsverbrechen, das Angehörige meines Volkes auch gegen diese herrliche Stadt und ihre Bewohner begingen, bewegte meine Gedanken und erzeugten ein beklemmendes Gefühl, das ein ganz anderes war, als wenn ich mir diese schrecklichen Bilder in Büchern oder Filmen angesehen hatte.

Und dann standen wir an der Gartenpforte. Die Gastgeberin, eine mittelgroße schlanke Frau, kam uns entgegen. Sie blieb kurz vor mir stehen, neigte den Kopf seitwärts zur Begrüßung und sagte, sie freue sich, dass ihre Nichte einen deutschen Freund gefunden habe, mit dem sie viele Jahre in Verbindung stand und der nun Leningrad besucht. Sie wünsche sich, dass unsere Menschen und Völker in Frieden und Freundschaft miteinander leben. Für den Aufenthalt in ihrem Garten wünschte sie uns schöne Stunden, neigte nochmals den Kopf und verließ uns.

Dann stockte mir der Atem. Im Gartenhaus war der Tisch nach russischer Sitte gedeckt und was das heißt, kann man nicht erklären; es werden viele aus ihren Erinnerungen wissen. Ja, diese Frau deckte einem Deutschen den Tisch, erwies ihm eindrucksvolle Gastfreundschaft und hielt gleichzeitig ihr Gelöbnis, nie einem Deutschen die Hand zu geben oder mit ihm an einem Tisch zu sitzen. Diese menschliche Größe hat sich bis heute in meinem Herzen erhalten, wie auch viele andere Erlebnisse, die ich später während einer zehnjährigen Tätigkeit in diesem Lande erfuhr.

Und dann kräht anlässlich des 75. Jahrestages der Zerschlagung der Leningrader Blockade im Jahr 2018 ein Sender, der den Namen Deutschland im Titel führt in einem „Beitrag“ zu den Feierlichkeiten, dass eine russische Militärparade in dieser Stadt wohl unpassend sei. Der schamlose, in der Welt unrühmlich bekannte deutsche Lehr- und Zuchtmeister entblödete sich nicht, an einem solchen Tag seine Kleingeisterei über die zahlende Zuhörerschaft zu ergießen. Mag sein, dass dabei auch der Grimm darüber eine Rolle spielte, dass diese Stadt, das „Venedig des Nordens“, von deutschen Soldatenstiefeln nicht beschmutzt wurde.

Wolfgang Kroschel, Februar 2021