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Vortrag
Zum 100. Jahrestag der Gründung des sowjetischen Büros für internationalen Kulturaustausch (WOKS) erinnert der Kunsthistoriker Dr. Christian Hufen an eine Ära interessierter Annäherung und Kooperation zwischen Moskau und Berlin. Vorgestellt werden zwei Organisationen, die Kunstschaffende und Wissenschaftler beider Länder zusammenführten: das staatliche WOKS und dessen zivilgesellschaftlicher deutscher Partner, die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ (1923–1933). Anhand zeitgenössischer Quellen und unter Berücksichtigung diametral entgegengesetzter Bewertungen in der Geschichtsschreibung vor und nach 1990 wird versucht, die Vermittlungsarbeit beider Organisationen kritisch zu würdigen.
Angespornt vom großen Publikumserfolg der 1. Russischen Kunstausstellung in Berlin 1922 initiierten deutsche Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle 1923 mit politischer Unterstützung die Gründung der „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“. Im Geiste der deutsch-sowjetischen Annäherung (Rapallo-Vertrag 1922) betrieb sie einen Informationsdienst und ab 1924 die eigene Zeitschrift „Das neue Russland“, die über den sozialistischen Wiederaufbau des Landes nach dem Ende des russischen Bürgerkriegs berichtete. Von der deutschen Hauptstadt aus organisierte die GdF landesweit Vorträge sowjetischer Experten und Künstler, Gastspiele, Ausstellungen sowie Reisen in die Sowjetunion.
Zu ihren über 1.000 Mitgliedern zählten berühmte Gelehrte wie Albert Einstein und der Hirnforscher Oskar Vogt, anerkannte Schriftsteller wie die Brüder Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin und Franz Werfel, ebenso die Verleger Fischer und Rowohlt sowie kommunistische Künstler wie Heinrich Vogeler und Otto Nagel.
Der Vortrag stellt die Aktionsbreite dieser linksliberalen Plattform und Höhepunkte ihres zehnjährigen Wirkens vor – etwa die Informationsreise von über 100 Mitgliedern zu den Staats- und Revolutionsfeiern 1927 nach Moskau. Im Fokus steht nicht zuletzt die Frage, ob und inwiefern diese nichtstaatliche Organisation ein kommunistisches Propagandainstrument war und ab 1927 Stalins Politik in Deutschland vertreten hat.
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