Freia:
Von unserer Reise zurückgekehrt im Garten sitzend, denke ich über die zwei Wochen in Russland nach. Es ist verwunderlich, wie dehnbar die Zeit ist, wie sie sich strecken kann, wenn man alles zum ersten Mal sieht. Die Fremde ist mir mit einem Mal nicht mehr so fremd und ich durfte Augenzeuge von einem Land werden, statt mich auf die Erzählungen anderer verlassen zu müssen.
Die Kirchen und Gebäude aus früheren Epochen haben mich innehalten und staunen lassen, die Kuppeln und Gemäuer zeigten mir eine neue Facette der Kunst auf. Wenn ich aber die Augen schließe, sehe ich nur die Gesichter der Freunde vor mir, die wir in so einer kurzen Zeit gewinnen durften. Ich wurde von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Russen unerwartet überrumpelt. Wenn wir deutsch auf den Straßen oder in öffentlichen Räumen sprachen, drehten sich Menschen nach uns um und schüttelten fröhlich unserer Hände.
Nun aber von Beginn an, unsere Ankunft im „общежитие“ war mitten in der Nacht und geschafft von der langen Reise fielen wir in unsere Betten. Am nächsten Morgen war ich wieder voller Vorfreude und gespannt auf die Universität. Im Deutsch Unterricht der Dolmetscher bekamen wir in kurzen Vorträgen, einen ersten Einblick in die Wolgograder Kultur. Mich freute es, wie gut die Studenten schon unsere Sprache beherrschten, ohne jemals in Deutschland gewesen zu sein.
Als wir am darauffolgenden Tag eine Präsentation über deutsche Feiertage und die deutsche Küche hielten, war ihre Lehrerin so begeistert davon, dass sie uns bat, sie noch einmal, vor der Leiterin des internationalen Institut, zu halten. Es ist schade, wie ungewöhnlich es für unsere Völker geworden ist, in das jeweils andere Land zu reisen und wie wenig wir deshalb noch übereinander wissen. So manche Vorurteile, die ich über Russen hatte, erwiesen sich als Klischees. Sie gehen nicht jeden Tag im Winter Eis baden, was ich eigentlich schade finde, und ich habe keinen einzigen Bären im Vorgarten gesehen. Auch die ernsten Gesichter, die sie in Bus und Bahn aufsetzen, verschwanden sofort, wenn wir ein Gespräch mit jemandem anfingen. Welches Vorurteil sich aber bewahrheitet hat, ist die begrenzte Auswahl an vegetarischen Gerichten, über die Russland verfügt. „Vegetarisch“ bedeutet in Russland, man isst Fisch, vielleicht sogar Hühnchen, also ernährte ich mich am dem einen oder anderen Tag nur von Süßspeisen.
Von der Universität war ein ausgiebiges Programm zusammengestellt worden, sodass ein Tag spannender als der andere war. Die zahlreichen Museumsbesuche lehrten mich viel über unsere gemeinsame Geschichte. Das Panorama Museum zeigte in einer künstlerisch beeindruckenden Weise vor allem die Gräueltaten auf, die wir unseren Völkern angetan hatten. Wir wurden oft mit dem Krieg konfrontiert, mit dem Wissen, dass gerade hier wo wir jetzt stehen, ein riesiges schreckliches Gefecht Opferzahlen forderte, die ich mir nicht einmal vorzustellen vermag.
Besonders berührend war unser Besuch bei der Kriegsgräberstätte Rossoschka, an deren Denkmäler wir für Deutsche und Russische Gefallene rote Nelken niederlegten. Der hohe Schnee durch welchen wir stapften, glitzerte unter der warmen Sonne und verlieh dem schicksalshaften Ort eine friedliche Ruhe. Wir kamen an einer Mauer an, durch deren Durchgang ein großes Kreuz und das ovalförmige Massengrab der gefallenen und vermissten Deutschen zu sehen war. Ob ich den Name meines vermissten Großonkels irgendwo dort unter den tausenden Inschriften finden könnte? Mir fiel ein eingravierter Schriftzug an der Friedhofsmauer auf und während dem Lesen wurde mein Blick nachdenklich:
„In harten, schrecklichen Stunden sind wir gefallen. Uns war nicht die Möglichkeit gegeben, in dieser Welt zu leben. Lebende, denkt an uns und sorgt dafür, dass ewiger Friede wird auf dieser Erde.“
Vor meinem inneren Auge tauchten lachende Gesichter auf. Junge Männer die Arm in Arm Veteranenlieder sangen ohne die Sprache des jeweils anderen wirklich zu beherrschen. Ich war mir mit einem Mal sicher, die Redewendung „ Wer sich kennt, schießt nicht aufeinander.“ entspricht der Wahrheit.
Nach dieser Art von Ausflügen, war es eine angenehme Abwechslung im Sarepta Museum, auch an Zeiten der wertschöpfenden Zusammenarbeit erinnert zu werden. Es war verblüffend zu hören, wie viele diese recht kleine Kommune aufgebaut und produziert hatte. In einem kleinen Souvenir Laden fanden wir Produkte die bis heute hergestellt werden und ich kaufte ein scharfes Senföl, für welches die Gegend bekannt ist.
Am Abend hörte unser Programm allerdings nicht auf, wir trafen uns mit unseren „русскими друзьями“ in Bars, sangen gemeinsam Lieder und verbesserten unsere Russisch-Kenntnisse. Ein russischer Student beschloss spontan uns nach Moskau zu begleiten, also brachen wir nach einer erlebnisreichen Woche in Wolgograd, zu siebt auf.
Der Abschied von allen anderen fiel uns schwer, doch zugleich fieberten wir Moskau entgegen. Und das nicht unbegründet. Schon bei der Taxifahrt zum Hotel vermied ich es zu blinzeln, um ja keines der mit Lichterketten behangenen Kunstwerke zu verpassen. Oder den Schnee der durch die Luft tanzte und später von LKWs weg transportiert wurde. Die Größe und Weite Moskaus wurde mir jedoch erst im ВДНХ-Park vollends bewusst. Es war, als wäre der Park von innen Größer, als von außen, denn jedes Haus der ehemaligen Sowjetstaaten, war wie die Tür zu einer neuen Welt. So bekamen wir in Russland Einblicke in weitere fremde Länder, wie Armenien, Kirgistan und Kasachstan.
Nachdem wir den ganzen Tag neues Wissen in uns aufgesogen hatten, gingen wir Schlittschuhlaufen und lernten prompt neue russische Studenten kennen. Den Russen fiel es ebenso schwer „Schlittschuhlaufen“ korrekt auszusprechen, wie uns „кататься на коньках “. Wie in einer anderen Welt, einer aus der Gebrüder Grimm entsprungenen, fühlte ich mich auch, als ich den ersten Schritt auf den roten Platz tat. Leider war er nicht, wie in meiner Vorstellung, aus karminroten Pflastersteinen, dafür erstrahlte aber, eingerahmt von dem Nationalmuseums, der Basilika, der Kremelmauer und dem Gum ein leuchtender Wintermarkt in seiner Mitte. Unsere letzten Tage in Russland verbrachten wir im Nationalmuseum, mit Führungen durch Kirchen aus der Zarenzeit und dem Erwerb schöner Mitbringsel für unsere Familien.
Die Abreise kam viel zu schnell und ich wusste schon als unser Flugzeug abhob, ich würde wiederkommen.
