Christian:
Ich war sehr aufgeregt als es losging. Vorher hatte ich die EU tatsächlich noch nie verlassen und nun ging es gleich nach Russland.
Ein so nahes und doch so fernes Land, dessen Sprache ich bis auf ein paar Phrasen nicht verstand und das mir wie ein Rätsel erschien. Ich war der erste, der am Flughafen in Berlin ankam. Danach stießen zwei weitere Teilnehmer der Reise hinzu. Wir tauschten uns aus und wurden später darauf aufmerksam, dass ein Teilnehmer der Reisegruppe nach Kaliningrad bei einer Ausstellung im Berliner Flughafen auf einem Klavierflügel spielte. Wir gingen dorthin und lauschten der Melodie russischer Lieder. Es fühlte sich so an als würde diese unglaubliche Reise damit eingeläutet werden. Im Laufe der Zeit kamen noch alle weiteren Teilnehmer dazu und wir fuhren mit dem Bus los bis nach Kaliningrad.
Ich kann mich noch sehr gut an die langen Wartezeiten vor dem polnischen und vor dem russischen Grenzposten erinnern und für mich war es irgendwie ein besonderer Moment als ich den Einreisestempel für die Russische Föderation bekam.
Danach fuhren wir weiter bis zum Busbahnhof der Stadt Kaliningrad. Wir waren die ganze Nacht durchgefahren und hatten früh morgens die polnisch-russische Grenze passiert. Entsprechend ausgelaugt waren wir dann als wir ankamen. Es war ein seltsames Gefühl all die Straßenschilder zu sehen, die in einer mir unbekannten Schrift verfasst waren.
Kaum waren wir in Kaliningrad angekommen, fuhren wir zum Hostel, luden unsere Sachen ab und ruhten uns ersteinmal eine Weile aus. Anschließend erkundeten wir noch die Stadt.
Im Bus traf ich tatsächlich noch auf einen kontaktfreudigen Russen. Seine Augen leuchteten vor Freude als ich ihm mit meinem stümperhaften Russisch erklärte, dass ich und meine Freunde aus Deutschland kamen und uns das Land Kennenlernen wollten. Er bot mir daraufhin einen Kaugummi als Gastgeschenk an.
Ich war absolut positiv überrascht wie die Russen deutschen Touristen und den Deutschen generell gegenüber traten. Insgesamt hätte ich eher damit gerechnet, dass wir positives und negatives Feedback von den Russen bekämen wegen der angespannten Lage in der Außenpolitik, aber es war jedes Mal positiv. Die Russen freuten sich jedes Mal riesig wenn sie erfuhren, dass wir aus Deutschland kamen um das Land und die Leute kennenzulernen.
Wir besuchten außerdem noch eine russisch-orthodoxe Kathedrale in Kaliningrad und bewunderten den extrem kunstvoll verzierten Innenraum. Dort beteten die Menschen, lehnten Ihren Kopf an die Bilder der Heiligen und bekreuzigten sich mehrfach. Mir kam es generell so vor, dass die Menschen in Russland religiöser sind als in Deutschland.
In mir kam der Gedanke auf, dass sie dort vielleicht für Ihre Angehörigen im russisch-ukrainischen Krieg beteten und das löste in mir etwas Demut und Mitgefühl aus. Kaliningrad ist für mich mit gemischten Gefühlen verbunden. Auf der einen Seite fand ich die Stadt sehr schön und die Menschen dort freundlich. Auf der anderen Seite war ich auch etwas traurig, weil die Stadt im 2. Weltkrieg durch Bomben zum Großteil zerstört wurde, die dort lebenden Deutschen von dort vertrieben wurden und so unter anderem viel kulturelles deutsches Erbe zerstört wurde. Damals zählte das heutige Kaliningrad, das frühere Königsberg, noch zu Ostpreußen und mein eigener Opa musste aus diesem Gebiet fliehen. Er hat noch lange von den traumatischen Erlebnissen der Flucht erzählt.
Am nächsten Tag flogen wir über Moskau nach Wolgograd. Dort kamen wir erst spät abends an und waren verwundert, weil wir am Flughafen den Namen Stalingrad in kyrillischen Buchstaben vorfanden. Ebenso waren an den Straßenlaternen sowjetische und russische Fahnen befestigt und an den Fassaden der Hochhäuser waren die Bilder von Kommandanten der Roten Armee zu sehen.
In den darauf folgenden Tagen erwartete uns einiges an Programmpunkten, die durch die Universität Wolgograd gestaltet waren.
Unter anderem besuchten wir den dortigen Deutschkurs und tauschten uns mit den Studenten aus. Wir hielten dort auch eine Präsentation über deutsche Gerichte und Feiertage, probierten dort bei einem Fest im Innenhof der Uni russiche Pfannkuchen, besuchten einen Russisch-Kurs, besuchten den Museumsraum der Universität über die eigene Geschichte usw. Nach dem Programm der Universität war für uns jeweils noch etwas Freizeit bis zum Abend verfügbar, sodass wir auch die Sehenswürdigkeiten von Wolgograd wie z. B. den wunderschönen Bahnhof besichtigen und einige Bars erkunden konnten.
Mir wird immer der Karaoke-Abend im Gedächtnis bleiben an dem wir gemeinsam „Moskau“ von Dschinghis Khan sangen und einige Leute aus der Gruppe gemeinsam mit Fremden russische Lieder sangen. Es fühlte sich in dem Moment so an als wären wir spätestens ab dort so richtig in Russland angekommen.
An der Uni konnten wir außerdem beim Wettbewerb „Gentlemen of the University“ zusehen. Das ist ein jährlicher Wettbewerb, bei dem aus den verschiedenen Fakultäten der Universität Männer gegeneinander antreten und per Abstimmung der Zuschauer entschieden wird wer welchen Platz erhält. Die Show war geprägt von eigenen Talenteinlagen bzw. Tanzeinlagen der Männer und wir empfanden es als sehr spektakulär, auch wenn wir kaum etwas verstanden. Mir fiel insbesondere auf, dass vor Beginn des Wettbewerbs einmal die russiche Nationalhymne mit einem Imagefilm der russischen Regierung abgespielt wurde und anschließend die Hymne der Universität. Der Nationalstolz spielt für die Russen anscheinend eine sehr große Rolle, während man in Deutschland oft vergeblich danach sucht.
Wir besuchten außerdem noch ein Panorama-Museum zum 2. Weltkrieg in Stalingrad. Anschließend fuhren wir zum Mamajew-Hügel und besichtigten dort die Gedenkstätte für die gefallenen russischen Soldaten, die Mutter-Heimat-Statue und eine russisch-orthodoxe Kathedrale. Diese war wie alle anderen auch von innen sehr kunstvoll verziert. Dort trafen wir auch auf eine alte Dame, die sich ebenso wie die anderen Russen, auf die wir trafen, freute, dass wir das Land besichtigten. Sie sprach von Ihren Urenkeln und sagte mit ernster Miene zu uns, dass sie von ganzem Herzen hoffe, dass es nie wieder zu einem Krieg zwischen unseren Völkern kommt.
Das hat uns alle sehr berührt.
Am Ende unserer ersten Woche in Russland besuchten wir noch den Soldatenfriedhof Rossoschka. Dort legten wir sowohl auf der russischen als auch auf der deutschen Seite Blumen nieder. Ich war sehr bedrückt als ich die Inschriften auf den Grabsteinen las und so viele Menschen entdeckte, die in meinem Alter waren als sie in Stalingrad fielen.
Als wir am nächsten Tag die ehemalige deutsche Siedlerkolonie Sarepta besichtigten und gerade zurück ins Wohnheim fahren wollten, trafen wir auf einen freundlichen Russen, der uns anbot uns eine kleine Tour in dem Museum seines Vereins zu geben. Wir fuhren mit seinem alten sowjetischen LKW dahin und er erklärte uns begeistert etwas zu den Ausstellungsstücken seines Vereins. Dort ging es hauptsächlich um den 2. Weltkrieg aber auch generell um russische Militärgeschichte. Wir durften vor Ort auch Fotos mit den sowjetischen Panzern machen und freuten uns riesig über diese Begebenheit.
Am darauf folgenden Tag verabschiedeten wir uns von den Russen, die wir in Wolgograd kennengelernt hatten und flogen nach Moskau. Ich werde nie diese prunkvollen Gebäude und Lichterketten vergessen, die wir sahen als wir vom Flughafen zu unserem Hostel fuhren. Es war unglaublich schön. Anschließend begrüßten wir die anderen Teilnehmer der Reise und tauschten uns intensiv aus.
Am Tag darauf besichtigten wir die Häuser der verschiedenen ehemaligen Sowjetrepubliken. Im Haus von Armenien trafen wir auf eine Dame, die uns dann erzählte sie sei erst kürzlich im Dezember in Deutschland gewesen. Sie erwähnte dann sogar, dass sie in meiner Heimatstadt war. Ich freute mich sehr darüber. Das war für mich einer der Momente, die kein Zufall sein können.
Anschließend ging es für mich gemeinsam mit ein paar anderen Teilnehmern der Reise auf die riesige Eislaufbahn inmitten des Platzes, wo wir uns aufhielten. Die prächtigen Gebäude rundherum und die schöne Musik gaben der Eislaufbahn und generell dem Platz eine wunderbare geradezu romantische Atmosphäre. Wir hatten unglaublich viel Spaß und trafen vor Ort erneut auf neugierige Russen, mit denen wir uns austauschten.
In den darauf folgenden Tagen besichtigten wir das Denkmal für die Opfer des Kommunistischen Terrors, den Roten Platz, die Basilius-Kathedrale, machten eine Führung im Kreml mit und besuchten die Ballettaufführung Figaro im Kremltheater.
Anschließend stand für uns auch schon die Rückreise an. Erneut waren wir mit einigen Problemen und langen Wartezeiten an der polnisch-russischen Grenze konfrontiert.
Es war ein komisches Gefühl Russland nun nach sehr intensiven 2 Wochen wieder hinter uns zu lassen. Wir hatten viele wunderschöne und unbezahlbare gemeinsame Momente in Russland erlebt, viel dazugelernt und einige russische Freunde dazugewonnen.
Obwohl ich einiges kritisch sehe was die russische Regierung tut und die meiner Meinung nach anhaltende Romantisierung der Sowjetunion ebenfalls skeptisch betrachte, muss ich sagen, dass Russland bzw. das russische Volk immer einen Platz in meinem Herzen haben wird.
Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass unsere Völker den Frieden in Europa wiederherstellen, bewahren und die deutsch-russische Freundschaft aufblüht.
